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Buch von Michael Tomasello : Wir sind schon ziemlich einzigartig

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Manches, was sie kann, kann er auch. Aber die soziokulturellen Fähigkeiten eines Menschen wird auch der klügste Berberaffe nicht entwickeln. Bild: Picture-Alliance

Was uns ausmacht: Der Verhaltensforscher Michael Tomasello legt eine übergreifende Entwicklungstheorie vor. Das Bewusstsein miteinander geteilter Intentionen spielt dabei eine Schlüsselrolle.

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          Was macht den Menschen zu einer besonderen Spezies? Und wie werden aus Kindern sozial kompetente Mitglieder einer Gesellschaft? Will man diese beide Fragen vor dem Hintergrund neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse erörtern und sinnvoll miteinander verknüpfen, braucht es dafür exzellente Sachkenntnis. Die bringt Michael Tomasello ohne Zweifel mit. Als ehemaliger Max-Planck-Direktor und weltweit führender Experte auf dem Gebiet der Evolutionären Anthropologie haben er und sein Team über viele Jahre das Verhalten von Menschenaffen und Kindern vergleichend untersucht. Die Früchte dieser Arbeit sind nun in einem Buch zusammengetragen, in dem Tomasello eine Brücke schlägt zwischen Anthropologie und Entwicklungspsychologie. Zudem stellt er eine eigene Theorie vor, die hilft, den Prozess der Menschwerdung sowohl aus phylogenetischer als auch aus ontogenetischer Sicht zu verstehen.

          Dabei bildet folgende Überlegung den Ausgangspunkt: Das Erbe jedes Menschen besteht nicht nur aus Genen, sondern auch aus einer kulturellen Umwelt, die den Erfahrungshorizont und die Entwicklung jedes Kindes prägt. Kultur ist gleichzeitig eine Errungenschaft, die wir als Alleinstellungsmerkmal der menschlichen Art betrachten. Wer das Wesen unserer Spezies verstehen möchte, der muss sein Augenmerk also auf die Entstehung soziokultureller Fähigkeiten richten.

          Soziale Werte und kulturelle Vielfalt 

          Die Betonung soziokultureller Einflüsse ist nicht neu, man findet sie bereits in der 1930 publizierten Theorie des russischen Pädagogen Lev Vygotskij. Tomasello bezeichnet seinen eigenen Ansatz als „neo-vygotskijsch“. Er analysiert nicht nur den Einfluss sozialer Erfahrungen, sondern fragt sich, wie die Evolution, biologische Reifungsprozesse, kognitive Grundlagen und soziale Erfahrungen gemeinsam zur Menschwerdung beitragen.

          Michael Tomasello: „Mensch werden“. Eine Theorie der Ontogenese.
          Michael Tomasello: „Mensch werden“. Eine Theorie der Ontogenese. : Bild: Suhrkamp Verlag

          Zunächst legt Tomasello dar, wie und warum unsere biologischen Vorfahren die Fähigkeit zur Kommunikation, zum sozialen Austausch mit Artgenossen und zu koordinierten Aktionen erworben haben. Unter evolutionärem Druck, so die These des Autors, wurden diese Kompetenzen anschließend so weit entwickelt, dass kollektives Handeln in größeren Gruppen möglich wurde und soziale Normen und Werte sowie kulturelle Vielfalt entstanden, die uns Menschen „einzigartig“ machen.

          Kommunikative Fähigkeiten

          Diese sozialen Errungenschaften sind an bestimmte geistige Fähigkeiten gebunden: So mussten wir zunächst begreifen, dass ein und derselbe Sachverhalt aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden kann, und Möglichkeiten finden, uns über diese unterschiedlichen Perspektiven auszutauschen. Darüber hinaus war es notwendig zu verstehen, dass eine langfristige Absicherung unseres Überlebens nur durch gegenseitige Unterstützung und gemeinsames Handeln gewährleistet werden kann, was die Entwicklung von gemeinsamen Regeln sowie kulturellen Praktiken nach sich zog.

          Tomasello sieht das Bewusstsein miteinander geteilter Intentionen als wichtigsten Schlüssel zum Verständnis der Natur des Menschen. Es gelte zu klären, wie und warum geteilte Intentionen im Verlauf der Stammesgeschichte entstanden sind und wann sie im Verlauf der Ontogenese von Kindern erstmals auftauchen. Diesen Prozess untersucht der Autor im zweiten und dritten Teil seines Buches genauer.

          Defizite der aktuellen Forschung

          Zunächst geht es um Veränderungen sozial-kognitiver und selbstregulativer Leistungen, die Entstehung kommunikativer Fähigkeiten, kulturelles Lernen und kooperatives Denken in Interaktionen mit einem konkreten Gegenüber. Tomasellos Argumentation folgend, bilden diese vier Bausteine die Basis für ein Verständnis „gemeinsamer Intentionalität“, die sich in den ersten drei Lebensjahren herausbildet. Erst danach entstehe die „einzigartige menschliche Sozialität“. Konkret sind dafür nach Auffassung des Autors vier weitere soziale Errungenschaften maßgeblich: Zusammenarbeit, Prosozialität, soziale Normen und moralische Identität. Sie spiegeln ein Verständnis „kollektiver Intentionalität“ wider, das erst im Verlauf des Kindergarten- und Schulalters erworben werde.

          Im letzten Teil des Buches fasst Tomasello die wichtigsten Punkte seines übergreifenden Entwicklungsmodells nochmals zusammen und grenzt es von anderen Theorien ab. Zudem benennt er Defizite der aktuellen Forschung und geht kurz auf Chancen für die künftige Forschung ein. Einen Ausblick auf die Zukunft des Menschen wagt der Autor nicht. Spekulationen sind nicht Tomasellos Sache. Er hält sich an die von ihm vorgestellte Empirie.

          Ein Standardwerk der Entwicklungspsychologie?

          Das Buch ist für wissenschaftlich interessierte Laien geschrieben; die Lektüre erfordert keine speziellen Vorkenntnisse, wohl aber die Bereitschaft, sich mit einer Fülle an Studienergebnissen auseinanderzusetzen. Ein klarer Aufbau, eine gut durchdachte Argumentationsführung und Grafiken helfen beim Verständnis. Vielleicht kommt das Wort „einzigartig“ etwas zu oft vor, wenn es um Fähigkeiten des Menschen geht. Gleichzeitig beschreibt dieses Attribut Tomasellos Werk recht treffend. Kaum jemand wagt heute noch, aus den vielen Puzzleteilen, die eine stetig steigende Zahl von empirischen Studien unterschiedlicher Disziplinen liefert, ein kohärentes Entwicklungsmodell zu formen – schon gar nicht, wenn es um die große Frage nach der Menschwerdung geht. Man kann fast sicher sein, dass sein Buch schon bald zu den Standardwerken der Entwicklungspsychologie zählen wird.

          Das Einzige, was man bei der Lektüre etwas vermissen mag, ist eine ausgewogene Diskussion von alternativen Denkansätzen und empirischen Befunden, die nicht zu den Modellvorstellungen des Autors passen. Tomasello argumentiert ungemein kenntnisreich, und es ist faszinierend zu sehen, wie gut am Ende alles zusammenpasst. Vor diesem Hintergrund hat er es eigentlich gar nicht nötig, Forscher, die Affen weniger oder mehr Kompetenzen zutrauen als er selbst, mit Titeln wie „Affenspötter“ und „Affenenthusiasten“ zu versehen und ihnen Voreingenommenheit zu unterstellen.

          Wenn es tatsächlich zum Wesen des Menschen gehört, sich bewusst zu machen, dass unterschiedliche Personen unterschiedliche Perspektiven auf denselben Sachverhalt haben, dann sind wissenschaftliche Kontroversen wichtig, um Erkenntnis voranzubringen. Eine so gut durchdachte und wohlfundierte Theorie wie die von Michael Tomasello kann unser Verständnis der Genese des Menschen gerade auch dadurch bereichern, dass sie zum kritischen Hinterfragen und Weiterdenken auffordert.

          Michael Tomasello: „Mensch werden“. Eine Theorie der Ontogenese. Aus dem Englischen von Jürgen Schröder. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 542 S., geb., 34,– €.

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