https://www.faz.net/-gr3-a47el

Buch von Michael Tomasello : Wir sind schon ziemlich einzigartig

  • -Aktualisiert am

Defizite der aktuellen Forschung

Zunächst geht es um Veränderungen sozial-kognitiver und selbstregulativer Leistungen, die Entstehung kommunikativer Fähigkeiten, kulturelles Lernen und kooperatives Denken in Interaktionen mit einem konkreten Gegenüber. Tomasellos Argumentation folgend, bilden diese vier Bausteine die Basis für ein Verständnis „gemeinsamer Intentionalität“, die sich in den ersten drei Lebensjahren herausbildet. Erst danach entstehe die „einzigartige menschliche Sozialität“. Konkret sind dafür nach Auffassung des Autors vier weitere soziale Errungenschaften maßgeblich: Zusammenarbeit, Prosozialität, soziale Normen und moralische Identität. Sie spiegeln ein Verständnis „kollektiver Intentionalität“ wider, das erst im Verlauf des Kindergarten- und Schulalters erworben werde.

Im letzten Teil des Buches fasst Tomasello die wichtigsten Punkte seines übergreifenden Entwicklungsmodells nochmals zusammen und grenzt es von anderen Theorien ab. Zudem benennt er Defizite der aktuellen Forschung und geht kurz auf Chancen für die künftige Forschung ein. Einen Ausblick auf die Zukunft des Menschen wagt der Autor nicht. Spekulationen sind nicht Tomasellos Sache. Er hält sich an die von ihm vorgestellte Empirie.

Ein Standardwerk der Entwicklungspsychologie?

Das Buch ist für wissenschaftlich interessierte Laien geschrieben; die Lektüre erfordert keine speziellen Vorkenntnisse, wohl aber die Bereitschaft, sich mit einer Fülle an Studienergebnissen auseinanderzusetzen. Ein klarer Aufbau, eine gut durchdachte Argumentationsführung und Grafiken helfen beim Verständnis. Vielleicht kommt das Wort „einzigartig“ etwas zu oft vor, wenn es um Fähigkeiten des Menschen geht. Gleichzeitig beschreibt dieses Attribut Tomasellos Werk recht treffend. Kaum jemand wagt heute noch, aus den vielen Puzzleteilen, die eine stetig steigende Zahl von empirischen Studien unterschiedlicher Disziplinen liefert, ein kohärentes Entwicklungsmodell zu formen – schon gar nicht, wenn es um die große Frage nach der Menschwerdung geht. Man kann fast sicher sein, dass sein Buch schon bald zu den Standardwerken der Entwicklungspsychologie zählen wird.

Das Einzige, was man bei der Lektüre etwas vermissen mag, ist eine ausgewogene Diskussion von alternativen Denkansätzen und empirischen Befunden, die nicht zu den Modellvorstellungen des Autors passen. Tomasello argumentiert ungemein kenntnisreich, und es ist faszinierend zu sehen, wie gut am Ende alles zusammenpasst. Vor diesem Hintergrund hat er es eigentlich gar nicht nötig, Forscher, die Affen weniger oder mehr Kompetenzen zutrauen als er selbst, mit Titeln wie „Affenspötter“ und „Affenenthusiasten“ zu versehen und ihnen Voreingenommenheit zu unterstellen.

Wenn es tatsächlich zum Wesen des Menschen gehört, sich bewusst zu machen, dass unterschiedliche Personen unterschiedliche Perspektiven auf denselben Sachverhalt haben, dann sind wissenschaftliche Kontroversen wichtig, um Erkenntnis voranzubringen. Eine so gut durchdachte und wohlfundierte Theorie wie die von Michael Tomasello kann unser Verständnis der Genese des Menschen gerade auch dadurch bereichern, dass sie zum kritischen Hinterfragen und Weiterdenken auffordert.

Michael Tomasello: „Mensch werden“. Eine Theorie der Ontogenese. Aus dem Englischen von Jürgen Schröder. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 542 S., geb., 34,– €.

Weitere Themen

Topmeldungen

Die menschenleere Innenstadt von Hannover Anfang April: Die Ausgangssperre ist auch ein deutliche Zeichen an die Leichtsinnigen und Gleichgültigen.

Bundes-Notbremse : Leichtsinnige, Verbohrte, Gleichgültige

Es liegt nicht am „Versagen“ von Bund, Ländern und Kommunen, dass die Notbremse überfällig ist. Es liegt an widersprüchlichen Interessen, deren Gegensätze größer, nicht kleiner werden.
Der französische Präsident Macron und seine Frau begrüßen am Freitag in Paris den ukrainischen Präsidenten Selenskyj und dessen Frau.

Gespräch mit Macron und Merkel : Selenskyj macht Druck

Deutschland, Frankreich und die Ukraine fordern einen Abzug der russischen Truppen von der Grenze zur Ukraine. Der ukrainische Präsident dringt auf einen neuen Gipfel mit Putin unter deutsch-französischer Vermittlung.
Sieht sich als Volkstribun: Markus Söder (CSU, l.), hier am 11. April mit Armin Laschet (CDU) in Berlin

Söders Ambitionen : Die Zerstörung der CDU?

Macron in Frankreich, Kurz in Österreich und Trump in Amerika haben vorgemacht, wie man jenseits der etablierten Parteistrukturen an die Macht kommt. Manches spricht dafür, dass Bayerns Ministerpräsident etwas Ähnliches vor hat.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.