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Michael Stolleis: Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland : Ein Solitär der Rechtsgeschichte

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Bild: Verlag

Imposanter Abschlusss: Michal Stolleis erreicht mit dem vierten Band seiner „Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland“ die Gegenwart.

          5 Min.

          „In einem Jahr und in einem Band“ wollte Michael Stolleis ursprünglich eine Wissenschaftsgeschichte des öffentlichen Rechts schreiben. Eine „naive Absicht“, stellt der Frankfurter Rechtsgelehrte rückblickend fest. Das Vorhaben sollte ihn rund ein Vierteljahrhundert beschäftigen. Auf insgesamt mehr als 2000 Seiten hat Stolleis verdichtet und durchleuchtet, wie sich die Disziplin des öffentlichen Rechts über eine Zeitspanne von vierhundert Jahren entwickelte. Eine imposante Forschungsleistung, die nun ihren Abschluss gefunden hat.

          Nach den ersten drei Bänden - von der Herausbildung und Ausbreitung einer eigenständigen Disziplin des ius publicum 1600 bis 1800 über die Epoche bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zur Staats- und Verwaltungsrechtswissenschaft in Republik und Diktatur in den Jahren 1914 bis 1945 - hat Michael Stolleis seine epochale Gesamtschau mit dem vierten Band abgeschlossen.

          Das Nachschlagewerk über Ursprünge, Entwicklungsströme und prägende Gestalten der Wissenschaftsgeschichte und deren Wechselwirkungen mit der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Geschichte Deutschlands ist ein Solitär in der rechtswissenschaftlichen Landschaft und weist den Autor als hervorragenden Kenner von Rechtstheorie und Rechtspraxis in den verschiedenen Epochen aus.

          Bis an die Grenze der Gegenwart

          Der Abschlussband bildet, obwohl die Zeitspanne vom Kriegsende 1945 bis zur Wiedervereinigung 1990, gemessen an der gesamten Wissenschaftsgeschichte, kurz ist, mit mehr als siebenhundert Seiten den umfangreichsten Komplex. Die Stofffülle mag ein Grund dafür sein: die Expansion der Disziplin durch den starken Ausbau des Wissenschaftsapparates; die rasch wachsende Bedeutung des Bundesverfassungsgerichts; die Erweiterung des disziplinären Spektrums, vor allem durch das Europarecht. Wesentlich dürfte aber ebenfalls eine subjektive Komponente sein.

          Die Etappen, die Stolleis in seinem vierten Band beschreibt - Wiederaufbau, Konstituierung des Bundesverfassungsgerichts, Aufbau des Rechts- und Sozialstaats, Entwicklung der Demokratie im Westen, die Umbrüche in der Zeit der Studentenbewegung und schließlich der Weg bis zur Wiedervereinigung im Zeichen von Europäisierung und Globalisierung -, sind Etappen seines eigenen Lebens und wissenschaftlichen Schaffens. Dies verändert unweigerlich Charakter und Rezeption des Werks.

          Der Schritt bis an die Grenze der Gegenwart ist ein größeres Wagnis als die Darstellung der früheren Epochen. Schon deshalb, weil sich jene zu Wort melden können, denen ein Platz in der Wissenschaftsgeschichte zugewiesen oder auch verweigert wird. Stolleis begegnet der Herausforderung mit offensiver Freimütigkeit: „Dass die(se) Auswahl ,objektiv’ sein könnte, insbesondere was die Nennung der Personen oder die implizite Bewertung ihrer Werke angeht, wird niemand zu behaupten wagen, am wenigsten der Autor“, schreibt er.

          Belastete Staatsrechtler

          Deutlich kritische Akzente setzt Stolleis dort, wo er dem Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und ihren Wirkungen auf die Disziplin des öffentlichen Rechts nachspürt. „Fast ausnahmslos“ hätten es die mehr oder weniger belasteten Öffentlichrechtler vermieden, „die Geschichte der eigenen Person, vor allem aber die inhärenten Risiken des eigenen Berufs auszubreiten“. Die Betonung habe auf dem Neubeginn gelegen. „Die politische Belastung war bald vergessen, verschüttet oder wurde beschwiegen.“ Erst mit großer Verspätung habe sich die Staatsrechtslehre mit der Rolle ihrer Vertreter während des Nationalsozialismus befasst. Und auch dann hätten politische Empörung und wissenschaftliche Unkenntnis lange Zeit den differenzierten Blick, etwa auf Juristen wie Ernst Forsthoff und Carl Schmitt, verbaut.

          Die Wirkungen der nationalsozialistischen Herrschaft durchziehen den vierten Band wie Adern - bis hinein in das Kapitel zur Europäisierung. Während die Politik sich nach dem Zusammenbruch der Hitler-Diktatur bald intensiv um einen europäischen Einigungsprozess bemüht habe, konstatiert Stolleis in der Professorenschaft eine weitverbreitete „anfängliche staatsrechtliche Blindheit gegenüber Europa“, auch bedingt durch Staatsrechtler, die sich aufgrund individueller NS-Belastung auf internationalem Parkett unsicher gefühlt hätten.

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