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Fotografien heiliger Orte : Der Friedhof unter der Shoppingmall

  • -Aktualisiert am

Im Westen nichts Neues: Das Monument Valley in der Navajo Nation Reservation ist nicht nur filmisch, sondern auch touristisch längst erschlossen. Bild: Michael Sherwin

John Wayne lässt grüßen: Michael Sherwin hat im Rahmen eines Langzeitprojekts Orte fotografiert, die den Ureinwohnern Amerikas heilig sind.

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          Der Wecker klingelt um halb vier. Aufstehen, anziehen, Zähne putzen. Nach einem schnellen Frühstück schnappt sich Michael Sherwin seine Fotoausrüstung und tritt vor die Tür. Mit dem Leihwagen schleicht er über eine einsame Straße im Nordosten Wyomings: „Ich fühle mich wie der einzige Mensch, der auf der Welt noch übrig ist.“ Sherwin verlässt die Ebene. Die Fahrbahn schlängelt sich einen Berg hoch, nach zwei Stunden ist das Ziel in Sichtweite: der Parkplatz am Big Horn Medicine Wheel. Um von dort aus die von den Ureinwohnern errichtete Steinformation zu erreichen, muss noch ein langer Fußmarsch bewältigt werden.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Sherwin fragt sich: „Was mache ich hier nur? Warum suche ich derartige Erfahrungen? Ist es in Ordnung, heilige Symbole anderer Kulturen abzubilden? Was werden die Leute zu meiner Arbeit sagen?“ Seine Unsicherheit erinnere ihn daran, dass er sich auf dem Land indigener Gruppen bewegt. Umgekehrt heißt das: Wäre der Bighorn National Forest ein Wald, der im siebzehnten Jahrhundert erstmals von Menschen betreten wurde, hätten Sherwins Überlegungen eine andere Form. Er würde sich nicht darum sorgen, dass man ihm vorwerfen könnte, eine Art illegitime Aneignung zu betreiben, sondern womöglich über das Erhabene und die Schönheit der Natur sinnieren. Doch die Kultstätte ist mindestens fünftausend, womöglich sogar siebentausend Jahre alt. Das verändert die Wahrnehmung. Hier gerate der Besucher in einen Zustand der Andacht und Ehrfurcht.

          Kunst und Moral

          Wer schon einmal an einem solchen Ort gewesen ist, wird diese Empfindung nachvollziehen können. Sie besitzt, wenn man so will, eine gewisse Selbstverständlichkeit. Der Multimediakünstler Sherwin ist für seinen Band „Vanishing Points“ allerdings nicht nur aus spirituellen Gründen zu Plätzen gepilgert, die für die amerikanischen Ureinwohner wichtig sind – er hat sie auch aufgesucht, um sie zu fotografieren. Die Landschaftsaufnahmen ergänzt er durch kleine Stillleben von Objekten – etwa einem Plastiklöffel oder Matchbox-Auto –, die an diesen Orten gefunden wurden. Die Frage ist, welche ästhetischen Facetten die Bilder ohne das Wissen um Sherwins Langzeitprojekt aufscheinen ließen. Sind sie als Werke mit Kunstanspruch ohne die Hintergrundinformationen überhaupt angemessen zu erfassen?

          Adlerfeder, Medicine Wheel National Historic Landmark, Bighorn National
Forest, Wyoming Bilderstrecke
          Im Zustand der Ehrfurcht : Fotografien von Michael Sherwin

          An dieses Problem erinnert Sherwin mit jeder Fotografie aufs Neue. Ist die in einen Zaunpfahl gesteckte Adlerfeder im Bighorn National Forest ein größerer Bedeutungsträger als eine Feder desselben Tiers, die auf einem Bürgersteig in Cheyenne herumliegt? Wahrscheinlich, denn unter vielen amerikanischen Ureinwohnern galten Adler als die tapfersten Vögel. Was aber heißt das für die Nahaufnahme des befiederten Pfahls? Wie verhält sich der künstlerische Zugriff zur Wirklichkeit, die hier aufgrund der Geschichte der Vereinigten Staaten immer auch eine moralische Dimension hat?

          Eine mysteriöse Zweischneidigkeit

          Aufnahmen des Monument Valley sind seit den Filmen John Fords zu Ikonen des Wilden Westens und der Expansion in Richtung Pazifik geworden. Ausgerechnet dieser Flecken Land liegt jedoch in der Navajo Nation Reservation. Sherwin zieht mit seinem Foto des Orts eine zusätzliche Bedeutungsebene ein, weil er einen Mann und eine Frau auf jener Aussichtsplattform ablichtet, die wegen ihres Namens, „John Wayne Point“, schon kulturell kodiert ist. Die beiden stehen mit dem Rücken zu uns und lassen den Blick über die Ebene schweifen – so, wie es auch ein militärischer Kommandeur täte. Der Betrachter betrachtet die zwei Gestalten beim Betrachten, und sein leichtes Unbehagen liegt nicht zuletzt daran, dass die Bildsprache die Signatur der Werbung trägt und in ein Reisemagazin passen würde.

          Nachdem Sherwin sich im Norden West Virginias niedergelassen hat, fand er heraus, dass ein von ihm regelmäßig besuchtes Einkaufszentrum auf einer achthundert Jahre alten Begräbnisstätte der Monongahela-Kultur errichtet wurde. Er fotografierte die Shoppingmall und sah in dem Ergebnis eine „mysteriöse Zweischneidigkeit“. Während das Bild im „gegenwärtigen Moment verwurzelt ist, kann es trotzdem eine Verbindung zur Vergangenheit herstellen und darauf anspielen, was passiert ist“, es sei gleichermaßen ein Spiegel und eine Art Gedächtnis. Insofern trifft der Name des Buchs ins Schwarze, zeigen die von Sherwin abgelichteten Orte doch konkrete und metaphorische Fluchtpunkte, in denen nicht nur Linien, sondern auch Kulturen zusammenlaufen.

          Michael Sherwin: „Vanishing Points“. Mit Essays von Josh Garrett-Davis, Kirsten Rian und Michael Sherwin. Kehrer Verlag, Heidelberg 2021. 172 S., Abb., geb., 45,– €.

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