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Buch über Chinas Geschichte : Das Land der vielen goldenen Zeitalter

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Ist Xi Jinping – hier bei seiner Video-Rede anlässlich der dritten Internationalen Importmesse Chinas – mit dem brutalen Gründer der Ming-Dynastie im vierzehnten Jahrhundert zu vergleichen? Bild: Picture-Alliance

Wie ein Phönix aus der Asche: Michael Schuman legt eine Geschichte Chinas vor, der es an diagnostischem Scharfsinn mangelt. Den Primatansprüchen der Führung unter Xi Jinping gibt er ohne große Umstände seinen Segen.

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          Auch wenn das „Global Britain“-Getöse der gegenwärtigen Londoner Regierung, die nuklear aufrüstet und das viktorianische Seehandelsimperium wiederbeleben will, zur starken Konkurrenz um den Rang des vollmundigsten Geschichtsnationalismus geworden ist, bleibt China unter Xi Jinping der Champion historischer Triumphgebärden. Trumps MAGA (Make America Great Again) wäre – wenn es denn als klangvolle Parole taugte – ein ungleich erfolgreicheres MCGA voranzustellen. „Make China Great Again“ verlangt nicht, wie in den vergleichbaren Fällen Russlands und der Türkei, die Scherbenhaufen verlorener Imperien mühsam zu kitten. Es genügt, unter der weisen Führung der Kommunistischen Partei in den nur kurz unterbrochenen Normalmodus der eigenen Wir-Geschichte zurückzuschwingen und das zu tun, was man seit mindestens zweitausend Jahren (mehr oder weniger) immer getan hat: einfach „groß“ sein.

          Xis „chinesischer Traum“, mit dem er seine Bevölkerung in niedrigspanniger Dauerelektrisierung zu halten versucht, ist kein utopischer Griff nach nie erreichten Sternen (wie 1958 bis 1961 Mao Tse-tungs „Großer Sprung nach vorn“), sondern ein beruhigendes Kontinuitätsnarrativ: Nach so vielen Goldenen Zeitaltern ist ein noch goldeneres eine fast ausgemachte Sache, sofern die Anstrengung nicht nachlässt. Wer Papier, Porzellan und Schießpulver erfunden hat, dem sollten auch die Durchbrüche der Zukunft gelingen.

          Nicht kleinzukriegen

          Weil in Selbstbewusstsein und Selbstdarstellung des heutigen Chinas so viel gelungene – oder zur Erfolgsserie hochgeredete – Vergangenheit steckt, gibt es jenseits eines kühlen Bildungsinteresses am immer noch Exotischen heißere politische Gründe, sich mit der Geschichte Chinas zu befassen: Was ist dran an der offiziellen Legitimitätsrhetorik, wonach die chinesische Nation ein historisch begründetes Recht besitzt, ihre angestammte Position als weltpolitischer Primus abermals einzunehmen und dabei die letzten Leidensspuren der Vergangenheit – die Heimholung Taiwans wäre der nächste Schritt – zu tilgen? Und eine ganz andere zweite Frage liegt nahe: Wie erklärt sich der „Aufstieg“ Chinas vom Tiefpunkt der 1970er-Jahre, der in westlicher Fernbeobachtung vielfach als ein rätselhaftes Naturereignis erscheint, wo er doch eigentlich eine kolossale Bewährungsprobe für die historische Analyse sein sollte?

          Michael Schuman: „Die ewige Supermacht“. Eine chinesische Weltgeschichte.
          Michael Schuman: „Die ewige Supermacht“. Eine chinesische Weltgeschichte. : Bild: Propyläen Verlag

          Michael Schumans Buch ist eine Geschichte Chinas von den Anfängen bis zur Gegenwart, eine „chinesische Weltgeschichte“ allerdings nur in dem anspruchslosen Sinne, dass den kriegerischen wie zivilen Außenbeziehungen der verschiedenen kaiserlichen Dynastien besondere Beachtung geschenkt wird. Von einem solch ehrgeizigen Buch wird man Antworten auf beide Fragen erwarten können.

          Zwei zaghafte Einschränkungen

          Über die Ursachen des Aufstiegs Chinas erfährt man leider so gut wie nichts. Da bleibt es bei dem richtigen, jedoch bei weitem nicht ausreichenden Hinweis, 1978 und in den Jahren danach habe der damalige oberste Machthaber Deng Xiaoping eine Reihe ebenso korrekter wie folgenschwerer Entscheidungen getroffen: eine der „ausschlaggebenden Wegscheiden in der Menschheitsgeschichte“. Woher aber zum Beispiel die Potentiale kamen, die durch Dengs visionären Pragmatismus in ungeahnt produktiver Weise entfesselt wurden, dazu schweigt der Autor, der sich für Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt nur flüchtig interessiert. Stattdessen tischt er ein geschichtsphilosophisches Klischee auf: Heute bestätige sich der „wiederkehrende Zyklus der chinesischen Weltgeschichte“. Anders gesagt: China ist nicht kleinzukriegen, nach jedem Rückschlag steigt ein umso prächtigerer Phönix aus der Asche. Von dem langjährigen Asien-Korrespondenten des Wall Street Journals hätte man sich mehr gegenwartsdiagnostischen Scharfsinn versprochen.

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