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Michael Mann: „Sahibs, Sklaven und Soldaten“ : Menschenhandel am Beginn der Globalisierung

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Bild: verlag

Wo die Abolitionisten fehlten: Michael Mann über die Geschichte unfreier Arbeit im Raum des Indischen Ozeans.

          Während sich Studien zu Sklaverei und Sklavenhandel in der atlantischen Welt zu Bergen türmen, ist diese Thematik für den Raum des Indischen Ozeans noch vergleichsweise wenig bearbeitet. Allerdings ist diese Region in den vergangenen Jahren verstärkt ins Visier der Geschichtswissenschaft geraten. Dabei wurde die große Bedeutung von oft durch Zwang und Gewalt charakterisierten Arbeitsnetzwerken und Arbeitsregimen vor allem seit dem achtzehnten Jahrhundert deutlich. Der Berliner Südasien-Historiker Michael Mann fasst nun souverän und auch für Nichteingeweihte gut zugänglich die historische Forschung zu diesem Themenbereich zusammen.

          Mann zeigt im Anschluss an neuere Untersuchungen, dass der etablierte Topos vom Übergang von "unfreier" Sklaven- und Zwangsarbeit zu "freier" Lohnarbeit als Kennzeichen der Moderne der Korrektur bedarf. Rund um den Indischen Ozean standen Sklaverei, Leibeigenschaft und Lohnarbeit bis weit in das zwanzigste Jahrhundert hinein nebeneinander und repräsentierten ein breites Spektrum an mobilisierten, reglementierten und kontrollierten Arbeitsverhältnissen. Sklaverei war in diesem Kontext keineswegs statisch, sondern erscheint als "ein dynamischer Bestandteil eines sich permanent verändernden, in globalen Bezügen vernetzenden und zunehmend kapitalistisch ausgerichteten Wirtschaftssystems".

          Die Abschafung der Sklaverei führe zu sozialen Unruhen

          Die nach 1800 wesentlich von Großbritannien forcierte Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei wurde im atlantischen Raum geräuschvoll und unter wesentlicher Beteiligung einer engagierten Öffentlichkeit betrieben. Im indischen Raum hingegen blieb, wie Mann darlegt, ein entsprechendes breitgefächertes Engagement der Abolitionisten stets aus. Überdies setzten die britischen und niederländischen Kolonialregierungen die in den "Mutterländern" erlassenen Verordnungen in den seltensten Fällen um.

          In Indien etwa wurde 1842 zwar nach langjährigem Hin und Her und zahlreichen Kommissionsberichten ein Gesetz verabschiedet, das den Sklavenhandel mit Frauen und Kindern unterbinden sollte. Von einer grundlegenden Abschaffung der Sklaverei war allerdings nicht die Rede. Die Aufhebung dieser gesellschaftlich fest verankerten Institution würde, so das Argument der britischen Kolonialverwalter vor Ort, unweigerlich zu sozialen Unruhen führen und zudem die ländlichen Eliten, einen zentralen Stützpfeiler des kolonialen Regimes, schwächen.

          „Freibriefe“ für entflohene Sklaven

          Gegen die ausdrücklichen Anordnungen des niederländischen Parlaments ignorierte auch die Kolonialregierung in Niederländisch-Indien geflissentlich Dekrete zum Verbot der Sklaverei. Erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts kam die schrittweise Abschaffung dieser Institution in Gang. Parallel erreichte das System staatlich legitimierter Fronarbeit zahlenmäßig seinen Höhepunkt, die Verurteilung von Sträflingen zu harter Arbeit nahm dramatisch zu.

          Das Deutsche Reich, das im gleichen Zeitraum seine Kolonialherrschaft in Ostafrika etablierte, setzte ebenfalls eher auf eine graduelle "Sklavenbefreiung". Der Einsatz von rechtlichen Instrumentarien wie den 1891 eingeführten "Freibriefen" für entflohene Sklaven blieb den jeweiligen Distriktbeamten vorbehalten, so dass es in der Kolonie eine höchst unterschiedliche Dichte von befreiten Sklaven gab. Mann konstatiert, dass der langsame Tod der Sklaverei hier - wie in den meisten Afrika-Kolonien - "weniger einem humanitär-philanthropischen Engagement von Aktivisten denn „ökonomischen Notwendigkeiten des Kolonialregimes geschuldet war".

          Der Autor betont mit Verweis auf die neuere Forschung, dass es wenig Sinn macht, zwischen einer westlich-atlantischen und einer östlich-orientalischen Sklaverei zu unterscheiden. Sklaverei und Sklavenhandel stehen vielmehr für ein wichtiges Kapitel der Geschichte der Globalisierung, die nicht zuletzt durch den rapide wachsenden Austausch und den Transport von Waren charakterisiert war. Der Handel mit Menschen spielte in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Der vorliegende Band vertritt dabei mit Nachdruck die These, dass zumindest vor dem Ersten Weltkrieg Wirtschaft, Handel, Militär und Verwaltung in den meisten Anrainerregionen des Indischen Ozeans ohne Sklaven weitgehend kollabiert wären.

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