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Wirtschaft und Psychologie : Wir sehen Risiken statt Chancen

Dieser Amos Tversky studiert ebenfalls Psychologie, wird Professor an der Hebräischen Universität. Seine Vorlesungen begeistern die Studenten. An der Fakultät gibt es noch einen anderen sehr beliebten Hochschullehrer: Daniel Kahneman. Eigentlich haben die beiden kaum etwas gemeinsam, auch ihre Herangehensweisen an Forschungsprobleme unterscheiden sich fundamental. Eines Tages aber bringt Kahneman Tversky mit in sein Seminar als Gastredner. Auch wenn er selbst den Vortrag eher fragwürdig findet und mit Kritik nicht spart, erwächst aus dieser Begegnung eine tiefe Freundschaft und Zusammenarbeit. Die beiden werden am Ende ihr Fach revolutionieren - und die Wirtschaftswissenschaft gleich mit.

Verhaltensökonomik als eigenständiges Fach

Kahneman und Tversky verbringen viel Zeit miteinander, schreiben gemeinsam Aufsätze, ziehen vorübergehend in die Vereinigten Staaten, um dort zu lehren, kommen anlässlich des Jom-Kippur-Krieges im Jahr 1973 zurück nach Israel und schlüpfen wieder in die Uniform. In den siebziger Jahren kreieren die beiden schließlich, was sie in der Wissenschaft unvergesslich macht: eine Theorie, die den Menschen nicht als rein rationalen, stehts kühl kalkulierenden Entscheider darstellt, sondern die bestimmte psychologische Phänomene in ihr Modell einbezieht. Diese „Erwartungstheorie“ (Prospect Theory) trägt zum Beispiel dem Umstand Rechnung, dass Menschen typischerweise Risiken unverhältnismäßig hoch gegenüber Chancen gewichten, wenn sie sich entscheiden; dass sie im Nachhinein häufig rationale Erklärungen suchen für Ereignisse, die sie nicht vorhergesehen haben; dass sie falsche Entscheidungen gerne schönreden und sich sehr lange an eine einmal gefasste (und geäußerte) Meinung klammern.

Mit dieser Theorie brachten Kahneman und Tversky die sogenannte Verhaltensökonomik als eigenständiges Fach auf den Weg. Später entfremden sich die beiden Forscher voneinander, die Freundschaft zerbricht. Lewis geht noch darauf ein, wer die Erwartungstheorie weiterverfolgt, und wie und wo sie sich niederschlägt. Das Buch endet folgerichtig mit dem Nobelpreis im Jahr 2002, den Kahneman zugesprochen bekam. Tversky hätte ihn sicherlich ebenfalls bekommen, wenn er nicht im Jahr 1996 an Krebs gestorben wäre.

Michael Lewis ist ein eindrückliches Buch gelungen, informativ und kurzweilig, teils wie eine Dokumentation, teils wie eine Erzählung geschrieben. Eine dritte Hauptperson, über die der Leser ebenfalls viel erfährt, ist das Land Israel selbst, mit dessen Geschichte das Leben der beiden Forscher eng verwoben ist. Zur Einstimmung hat Lewis seiner Darstellung ein Kapitel vorangestellt, in dem er am Beispiel des amerikanischen Profi-Basketballs versucht, dem Leser den Forschungsgegenstand seiner beiden Helden nahezubringen. Es ist etwas für Basketballbegeisterte, die sich gut in der Liga auskennen, denen prominente Spieler und Funktionäre einigermaßen geläufig sind. Wen das nicht interessiert, der kann mit der Lektüre auf Seite fünfundvierzig beginnen, und er wird eine faszinierende Geschichte lesen.

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