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Michael Jürgs über Nancy Wake : Fünf Millionen für den Kopf der Weißen Maus

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Sie verfügte über einen geradezu animalischen Instinkt für Gefahren: Nancy Wake im Jahr 1936 Bild: Harper Collins

Schön wie ein Star, frei wie ein Straßenköter und mutig genug, ihr Leben im Kampf gegen die Nazis zu riskieren: Michael Jürgs erzählt die atemraubende Geschichte der Agentin Nancy Wake.

          Herr Jürgs, in Ihrem Buch „Codename Hélène“ erzählen Sie eine Geschichte, die nach dem perfekten Hollywoodstoff klingt: Eine junge, schöne Frau namens Nancy Wake springt während des Zweiten Weltkriegs im Auftrag des britischen Geheimdienstes mit einem Fallschirm über Frankreich ab, kämpft furchtlos gegen die Nazis und kehrt als Heldin zurück. War Ihnen Nancy Wake schon lange ein Begriff?

          Nein! Ich hatte noch nie von ihr gehört, bis mich ein Freund im August 2011 auf einen Nachruf im „Economist“ hinwies, der ihre heldenhaften Taten auf einer ganzen Seite würdigte. Die im Alter von 98 Jahren Verstorbene, hieß es dort, sei eine der gefürchtetsten Agentinnen des britischen Geheimdienstes gewesen. Deshalb hatte die Gestapo, bei der sie als „Weiße Maus“ gesucht wurde, auf ihren Kopf fünf Millionen Franc ausgesetzt. Sie war nicht nur so mutig wie die Männer des Maquis,wie die Partisanen also, an deren Seite sie kämpfte, sie hat sie auch dadurch beeindruckt, dass sie ebenso viel Alkohol vertrug. „She drinks and swears like a trooper“ - sie saufe und fluche wie ein Soldat, notierte einer ihrer Ausbilder in ihrer Personalakte.

          Sie hatten nicht sonderlich viel Zeit für Ihre Recherche. Sicherlich war es schwierig, in Nancy Wakes Leben einzutauchen?

          Es leben keine Weggefährten mehr, aber ich hatte Glück, eines der letzten Exemplare ihrer 1985 erschienenen Autobiographie „The White Mouse“ zu finden. Man kann annehmen, dass vieles darin stimmt; ich musste aber ebenso davon ausgehen, dass sie vieles verschwiegen und anderes ausgeschmückt hat. Die Recherche glich einem Puzzle. Ich las Hunderte von Dokumenten, Erinnerungen, Aufzeichnungen auf der Suche nach Querverbindungen zu Namen und Ereignissen, die auch bei ihr auftauchten. Insbesondere Historiker des Imperial War Museum und der National Archives in London sind eine große Hilfe gewesen, aber auch das Archiv des Auswärtigen Amtes und verschiedene französische Institutionen. So stieß ich auf ihre Personalakte, die Beurteilungen ihrer Ausbilder oder die Berichte ihrer Mitstreiter.

          An einer Stelle bezeichnen Sie Nancy Wake als eine Art Straßenköter im besten Sinne.

          Straßenköter sind ungebunden und schnüffeln an jeder Ecke auf der Suche nach etwas Spannendem. Sie hängen an ihrer Freiheit und lassen sich von niemandem an die Leine legen. So wie Nancy Wake: Mit sechzehn brach sie die Schule ab und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Als sie zwanzig war, erbte sie Geld von einer Tante, verließ ihre Familie und Australien, ging zuerst nach New York und nach London, dann 1933 nach Paris, arbeitete als freie Journalistin, erlebte hautnah den Aufstieg des Faschismus und die Folgen der Naziherrschaft.

          Auf abenteuerlichen Wegen gelangte Nancy Wake von Marseille, wo sie mit ihrem Mann Henri Fiocca lebte, nach England und wurde Agentin in der Spezialeinheit Special Operations Executive (SOE). Was war ihre Aufgabe?

          Angefangen hatte sie im französischen Untergrund 1940 als Kurierin und als Fluchthelferin für britische Piloten in geheimen Netzwerken der Résistance. Dann musste sie nach England fliehen, weil ihr die Gestapo auf den Fersen war. Sie wurde als Agentin ausgebildet und sprang im April 1944 über der Auvergne ab, schloss sich der Résistance an, koordinierte die Verteilung der per Container abgeworfenen Waffen der Royal Air Force, kämpfte in der legendären Schlacht am Mont Mouchet an vorderster Front gegen die Deutschen. Sie war die einzige Frau in der Führungsriege des Maquis.

          Offenbar war sie eine perfekte Agentin. Weshalb?

          Sie verfügte, siehe Straßenköter, über einen geradezu animalischen Instinkt für gefährliche Situationen. Sie liebte das Abenteuer, passte sich kühl gefährlichen Situationen an und hatte, wie sie stets betonte, vor nichts Angst. Sie schlüpfte ebenso in die Rolle einer hilfsbedürftigen jungen Frau wie in die einer entschlossenen Kämpferin, auf deren Befehl die Männer hörten.

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