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Michael Gazzaniga: „Die Ich-Illusion“ : Seien Sie mal nicht so stolz auf Ihr Ich!

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Bild: Verlag

Den absolut freien Willen schenkt man ihm gern: Aber Michael Gazzaniga hat auch einige Einsichten zu bieten, die unter Neurowissenschaftlern nicht selbstverständlich sind.

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          Mitunter erscheinen Kontroversen zwischen Philosophen und Neurophysiologen so vorhersehbar wie Naturereignisse. Tritt ein renommierter Hirnforscher wie Michael Gazzaniga in die Debatte um den freien Willen ein, folgt für nichtnaturalistische Philosophen, dass sich ihr liebstes handlungstheoretisches Werkzeug in Luft auflöst. Bald schon wird dann das bewusste Ich nicht mehr Chef im eigenen Kopf sein. Woraufhin sie eben ausgelöst werden, die philosophischen Widerspruchsreflexe.

          Michael Gazzaniga provoziert diese Reflexe, wenn er den Physiologen Benjamin Libet auftreten lässt, der gezeigt haben will, dass Handlungen im Gehirn durch unbewusste Prozesse bereits eingeleitet werden, bevor sie im Bewusstsein als willentliche Entscheidungen kenntlich werden. Folglich bleibt es für Gazzaniga „eine unumstößliche und experimentell bewiesene Tatsache, dass eine Handlung immer schon ausgeführt ist, wenn sich das Gehirn ihrer bewusst wird“. Gazzaniga entledigt sich aber nicht nur des freien Willens und des „bewussten“ Ichs, sondern will auch erklären, warum das Ich eine Illusion ist. Durch seine im besten Sinne populärwissenschaftlichen Überlegungen erfährt man dabei, wie das Gehirn sich evolutionär entwickelt hat, wie es aufgebaut ist und funktioniert, nämlich nicht hierarchisch, sondern modular: Aufgaben werden an vielen verschiedenen Orten von parallel arbeitenden Netzen erledigt.

          Der Philosoph attestiert ihm Begriffsverwirrung

          Dass Menschen trotzdem nicht von Bewusstseinssplittern, sondern einem Ich ausgehen, führt ins Zentrum von Gazzanigas Forschungen an Split-Brain-Patienten. Weil bei diesen Menschen die Verbindung der beiden Gehirnhälften chirurgisch getrennt wurde, um schwere Anfallsleiden einzudämmen, kann die Wirkungsweise der einzelnen Hirnhälften untersucht werden. Laut Gazzaniga findet in der linken Gehirnhälfte eine für die Ich-Illusion verantwortliche „Interpretation“ statt. Diese bewussten Handlungserklärungen hinken allerdings der neuronalen Realität unbewusster Verarbeitung hinterher, ja, mehr noch: „Das Ich, auf das Sie so stolz sind, ist eine Fiktion, die Ihr Interpretier-Modul fabriziert, um so gut wie möglich Ihr Verhalten zu erklären.“

          Spätestens hier fährt dem Hirnforscher der Philosoph reflexartig in die Parade und attestiert ihm Begriffsverwirrung. Denn die Kategorien, die das komplexe Handeln des Menschen oder seine mentalen Zustände betreffen, werden allzu schlicht auf physiologische Vorgänge im Gehirn übertragen. So ist fortwährend davon die Rede, dass Gehirne (und nicht Menschen) entweder agieren oder interagieren, dass Hirnmodule (und nicht Thesen oder Wahrnehmungen) in die Irre führen, Bewusstsein in Systemen im Gehirn steckt (und nicht ein Merkmal des Geistes ist) oder dass moralische Urteile von vorbewussten neuronalen Netzen (und nicht von Personen) gefällt werden.

          Der absolut freie Wille ist hier überflüssig

          Gazzanigas Thesen über die Ich-Illusion und die Absenz des freien Willens sind - wie die Debatte überhaupt - eine überaus pneumatische Angelegenheit. Nicht etwa, weil jene antike Lehre des psychischen Pneumas als Werkzeug der Seele wiederentdeckt würde, sondern weil mit zuviel heißer Luft das bewusste Ich (als Steuermann des Geistes) und der freie Wille (im Sinne absoluter Zurechenbarkeit) erst kräftig aufgepumpt werden, nur um sie dann mit der Nadel der experimentellen Wissenschaft platzen zu lassen. So weit, so erwartbar, so praktisch folgenlos.

          Denn dieser absolut freie Wille scheint nicht einmal in der Debatte um ihn selbst mobilisiert zu werden. Niemand würde hier dem Kriterium der Zurechenbarkeit entsprechend sagen, er hätte anders handeln und Gazzaniga recht geben können. In solchen Kontroversen, wie im Alltag überhaupt, sind willentliche Entscheidungen stets von Vorlieben, Gewohnheiten, Erfahrungen, situativen Zwängen oder zwingenden Gründen imprägniert. Der absolut freie Wille ist hier so überflüssig wie der Heizer auf einer Elektrolokomotive.

          Verantwortlichkeit trotz kausaler Determination

          Jenseits der Debatte um „metaphysische“ Willensfreiheit und Ich-Illusion bergen Gazzanigas Überlegungen allerdings zwei schöne Überraschungen: erstens ein entspanntes Maß lebensweltlicher Urteilskraft, das zweitens unterfüttert wird von einer nichtnaturalistischen Theorie über das Zusammenwirken von Gehirn und Geist. Damit unterläuft der Autor - ob willentlich oder nicht - den philosophischen Verdacht, er würde an einem kulturellen Paradigmenwechsel arbeiten: weg vom menschlichen Selbstverständnis, autonomes Individuum zu sein, hin zur vollständig determinierten Biomaschine.

          Indem Gazzaniga unterstellt, dass Individuen auch in einem kausal determinierten Universum für ihre Handlungen selbst verantwortlich und Autoren ihres Lebens sind, lässt er die alltagspsychologisch primären Gewissheiten bestehen, die zu retten versucht, wer an der kategorialen Verschiedenheit der Lebenswelt (mit ihren mentalen Zuständen und sozialen Interaktionen) und der Sphäre der neuronalen Vorgänge und Ereignisse festhält.

          Kein Grund, das Strafrecht umzukrempeln

          Dass Gazzaniga diese Grundintuitionen nicht in Frage stellen muss, hängt mit einer Theorie des Geistes zusammen, die man aus seinen Überlegungen herauslesen kann. Viel entscheidender als die Frage, ob ein freier Wille entscheidet oder ein metaphysisches „Ich“ im Gehirn Chef spielt, ist, dass die geistigen Zustände, die durch das Gehirn entstehen, auf dieses zurückwirken. Am deutlichsten wird das, wenn es um Verhaltenskontrolle geht, genauer, um deren normative Seite: die Verantwortung.

          Und die, so Gazzaniga, lässt sich im Gehirn nicht finden, sondern entsteht in der sozialen Interaktion. So tastet sich der Physiologe an eine sehr aktuelle Theorie des Geistes heran, die zwar davon ausgeht, dass geistige Zustände und Aktivitäten in neurophysiologischen Prozessen realisiert sind; die zugleich aber davon überzeugt ist, dass eine intentionale und/oder normative Beschreibung geistiger Zustände und Aktivitäten Wissen zum Ausdruck bringt, das über das hinausgeht, was sich über physiologische Prozesse sagen lässt.

          Als Wissen um die Bedeutung von Regeln wirkt es dann etwa auf das Verhalten und die physiologischen Prozesse zurück. So können Menschen jenseits metaphysischer Zurechenbarkeit Regeln folgen, Absichten erkennen und zügeln und bei einer Regelübertretung schuldig werden. Es gibt also für Gazzaniga keinen neurophysiologischen Grund, das Strafrecht umkrempeln zu wollen, wie es hierzulande gerne und ausdauernd diskutiert wird. Ein Grund mehr, nicht nur, wie Niklas Luhmann einmal sagte, die ganz gut funktionierende rechtliche Argumentation von der „unbeständigen Ebbe und Flut moralischer Kommunikation“ abzugrenzen, sondern sie auch vor den Gezeiten der Hirnforschung zu schützen.

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