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Michael Gazzaniga: „Die Ich-Illusion“ : Seien Sie mal nicht so stolz auf Ihr Ich!

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Denn dieser absolut freie Wille scheint nicht einmal in der Debatte um ihn selbst mobilisiert zu werden. Niemand würde hier dem Kriterium der Zurechenbarkeit entsprechend sagen, er hätte anders handeln und Gazzaniga recht geben können. In solchen Kontroversen, wie im Alltag überhaupt, sind willentliche Entscheidungen stets von Vorlieben, Gewohnheiten, Erfahrungen, situativen Zwängen oder zwingenden Gründen imprägniert. Der absolut freie Wille ist hier so überflüssig wie der Heizer auf einer Elektrolokomotive.

Verantwortlichkeit trotz kausaler Determination

Jenseits der Debatte um „metaphysische“ Willensfreiheit und Ich-Illusion bergen Gazzanigas Überlegungen allerdings zwei schöne Überraschungen: erstens ein entspanntes Maß lebensweltlicher Urteilskraft, das zweitens unterfüttert wird von einer nichtnaturalistischen Theorie über das Zusammenwirken von Gehirn und Geist. Damit unterläuft der Autor - ob willentlich oder nicht - den philosophischen Verdacht, er würde an einem kulturellen Paradigmenwechsel arbeiten: weg vom menschlichen Selbstverständnis, autonomes Individuum zu sein, hin zur vollständig determinierten Biomaschine.

Indem Gazzaniga unterstellt, dass Individuen auch in einem kausal determinierten Universum für ihre Handlungen selbst verantwortlich und Autoren ihres Lebens sind, lässt er die alltagspsychologisch primären Gewissheiten bestehen, die zu retten versucht, wer an der kategorialen Verschiedenheit der Lebenswelt (mit ihren mentalen Zuständen und sozialen Interaktionen) und der Sphäre der neuronalen Vorgänge und Ereignisse festhält.

Kein Grund, das Strafrecht umzukrempeln

Dass Gazzaniga diese Grundintuitionen nicht in Frage stellen muss, hängt mit einer Theorie des Geistes zusammen, die man aus seinen Überlegungen herauslesen kann. Viel entscheidender als die Frage, ob ein freier Wille entscheidet oder ein metaphysisches „Ich“ im Gehirn Chef spielt, ist, dass die geistigen Zustände, die durch das Gehirn entstehen, auf dieses zurückwirken. Am deutlichsten wird das, wenn es um Verhaltenskontrolle geht, genauer, um deren normative Seite: die Verantwortung.

Und die, so Gazzaniga, lässt sich im Gehirn nicht finden, sondern entsteht in der sozialen Interaktion. So tastet sich der Physiologe an eine sehr aktuelle Theorie des Geistes heran, die zwar davon ausgeht, dass geistige Zustände und Aktivitäten in neurophysiologischen Prozessen realisiert sind; die zugleich aber davon überzeugt ist, dass eine intentionale und/oder normative Beschreibung geistiger Zustände und Aktivitäten Wissen zum Ausdruck bringt, das über das hinausgeht, was sich über physiologische Prozesse sagen lässt.

Als Wissen um die Bedeutung von Regeln wirkt es dann etwa auf das Verhalten und die physiologischen Prozesse zurück. So können Menschen jenseits metaphysischer Zurechenbarkeit Regeln folgen, Absichten erkennen und zügeln und bei einer Regelübertretung schuldig werden. Es gibt also für Gazzaniga keinen neurophysiologischen Grund, das Strafrecht umkrempeln zu wollen, wie es hierzulande gerne und ausdauernd diskutiert wird. Ein Grund mehr, nicht nur, wie Niklas Luhmann einmal sagte, die ganz gut funktionierende rechtliche Argumentation von der „unbeständigen Ebbe und Flut moralischer Kommunikation“ abzugrenzen, sondern sie auch vor den Gezeiten der Hirnforschung zu schützen.

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