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Michael Baur, Steve Baur: Die Beatles und die Philosophie : Warum John Lennon der bessere Schelling ist

  • -Aktualisiert am

Bild: Klett Cotta

Was man alles im Werk der Beatles finden kann, wenn man nur aufmerksam danach sucht: Michael Baur und Steve Baur wollen klüger werden mit der besten Band aller Zeiten.

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          Wer etwas über das Lebensgefühl der sechziger Jahre erfahren wolle, hat der amerikanische Komponist Aaron Copeland gesagt, der höre sich die Beatles an. Denn in dieser Musik hat sich die kreative Eruption der Epoche - die Befreiung vom Muff der Nachkriegszeit, die Aggressivität politischer Konflikte wie die naiven Hippie-Träume von Love and Peace, die sexuelle Revolution wie die psychische Revolution der Halluzinogene - verdichtet wie in kaum einem anderen kulturellen Dokument.

          Als Phänotypen eines Lebensgefühls und als Stilikonen haben die Beatles ein musikalisches Werk geschaffen, das tief ins kulturelle Bewusstsein eingesunken ist, aber nach fast fünfzig Jahren immer noch frisch wirkt und auf dem Markt höchst erfolgreich geblieben ist. Insofern sind die Beatles zu „Shakespeare of Pop“ geworden, und wie das bei Klassikern so üblich ist, lagert sich dem Werk im Lauf der Zeit immer mehr biographisches, werkgeschichtliches, interpretierendes Schrifttum unterschiedlichster Qualität an, von hagiographischer Fan-Seligkeit bis hin zur sozialpsychologischen Dissertation. Zum Schlagwort „Beatles“ liefern Bibliothekskataloge inzwischen weit mehr als eintausend Einträge. Von schmissigen Rock-'n'-Roll-Gassenhauern mit naiven Boy-meets-Girl-Reimereien gelangten die Beatles sukzessive zu raffinierten, experimentierfreudigen Kompositionen mit Songtexten, die zwischen gutgelauntem Blödsinn und ambitioniertem Tiefsinn changiert

          Frisch wie vor fünfzig Jahren

          Ihr respektloser Witz war erfrischend sympathisch, aber ihr Eklektizismus, der musikalisch enorm produktiv war, wirkte bei ernster gemeinten Botschaften gelegentlich wirr. Zwar gerann ihre proletarisch-kleinbürgerliche Herkunft in einigen John-Lennon-Songs zu einer Art Marxismus light, der in dem Lied „Imagine“ fast wie eine friedvolle, lyrische Version des Kommunistischen Manifests daherkam; zwar brachte George Harrison Vorstellungen indischer Philosophie und Lebensweisheit ein, doch sind die fabelhaften vier als Musiker bedeutend, nicht als philosophische vier. Auf bemüht intellektuelle Deutungen ihres Werks reagierten sie spöttisch bis allergisch. John Lennon behauptete etwa, ausgerechnet die simple Reimerei von „Love Me Do“ sei ihr „philosophischster Song“.

          Wer den Versuch unternimmt, das Werk der Beatles einem philosophischen Diskurs unterzuschieben, muss sich also bewusst sein, dass so ein Verfahren weniger das Phänomen erhellt oder analysiert, sondern eher das Phänomen nutzt, um an seinem Beispiel bestimmte Denkbewegungen und Begriffe zu illustrieren.

          Hegels „sinnliche Gewissheit“ im Werk der Beatles

          Die Beiträge von siebzehn amerikanischen Philosophieprofessoren und Musikwissenschaftlern, die der Band „Die Beatles und die Philosophie“ versammelt, halten sich bei diesem Befund freilich nicht länger auf, sondern tauchen ihren Gegenstand so tief in die mehr oder minder klaren Wasser ihrer Disziplin, dass der Leser manchmal nach Luft schnappt. Idealistischer Monismus, Empiriokritizismus, Hegels Dialektik von Individuum und Gesellschaft, Marxismus und Unterhaltungsindustrie, Existentialismus und indische Mystik, Nietzsche und die Postmoderne, ja, sogar „eine systematisch feministische Philosophie“ - all das lässt sich, wenn auch zumeist nur in homöopathischer Potenz, im Werk der Beatles tatsächlich finden, wenn man mit den entsprechend geeichten Mikroskopen danach sucht.

          Die Autoren machen aus ihrer Begeisterung für die Beatles keinen Hehl und frönen einer sympathischen Wissenschaft. Diverse Grundprobleme, Fragestellungen und Termini philosophischer Diskurse werden behandelt wie in einem durchaus seriösen Einführungskurs, dessen Sprödigkeit durch den beständigen Rekurs auf die Beatles aufgelockert wird. Musik, in Worte gefasst, bekommt leicht einen flamboyanten Oberton. So lesen wir in diesem Buch immer wieder auch hochgemute Sätze wie diese: „Fundament und Grenze ihrer Kulturkritik ist die anhaltend naive Verherrlichung der Liebe.“ Ihre Songs „ruhen auf dem unerschütterlichen Untergrund eines wunderbaren Optimismus, der einen Schutzschirm gegen die Verzweiflung bietet“.

          Solche Resümees unterscheiden sich kaum von der „sinnlichen Gewissheit“ Hegels, in welcher musikalische Autodidakten namens Beatles nach Ansicht des Autors zu ihrer Genialität fanden. Wirklich aufschlussreich wird es jedenfalls dann, wenn nicht die Texte, sondern die musikalischen Innovationen der Beatles philosophisch gedacht werden. Wie in Schellings idealistischem Monismus nahmen sie „Zufälligkeiten, unbeabsichtigte Nebenprodukte und zum Teil regelrechte Schnitzer in ihre Werke auf, womit sie zum Ausdruck brachten, dass das Zufällige, nicht Geplante, Unbewusste letztlich (wenn auch in verhüllter Form) dasselbe ist wie das Geplante, Beabsichtigte und Bewusste.“

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