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Meret Oppenheims „Album“ : Sinn für Giacomettis Ohren

  • -Aktualisiert am

Entstanden nach der Rückkehr von Paris in die Schweiz: „Das aufgeschlagene Bett“, ein kleinformatiges Ölbild aus den Jahr 1939 Bild: 2022, ProLitteris, Zürich

Ein autobiographisches Gesamtkunstwerk aus Tagebuch, Fotografien, Zeichnungen und Anekdoten: Das „Album“ der Künstlerin Meret Oppenheim erscheint zusammen mit einem bisher ungedruckten Text.

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          Nicht nur die Surrealisten schätzten Meret Oppenheims mit Pelz überzogene Tasse. Als ihr das New Yorker Museum of Modern Art in seiner Gründungsphase 1936 das inzwischen berühmte Objekt „Frühstück im Pelz“ abkaufte, war die in Berlin geborene Tochter eines jüdischen Arztes gerade mal Anfang zwanzig und konnte noch nicht ahnen, dass sie an diesem Coup, der ihr einen Platz in der Kunstgeschichte sicherte, aber auch ein Stiletikett aufzwang, gemessen werden würde. Die zehn Jahre, die Oppenheim im Kontext des Surrealismus arbeitete, überschatteten dann die Nachkriegsjahrzehnte, in denen sie eine wiedererkennbare Handschrift verweigerte und vom Kunstbetrieb ignoriert wurde.

          Kompromisslosigkeit schien ihr in die Wiege gelegt. Ihr Großvater zeichnete mit ihr und ihrer jüngeren Schwester jeden Abend. Das „Aschenbrödel“ der Sechsjährigen steigt eine Himmelsleiter hoch, die Baumgipfel drunter im Blick, mit ausgestreckten Armen, als möchte sie die ganze Welt umarmen. Zwölf Jahre später war es dann das Kunstmekka Paris, das Oppenheim gemeinsam mit der befreundeten Künstlerin Irène Zurkinden erobern wollte. Bis Mitte 1933 wohnte sie im Hotel Odessa. Hier schrieb sie auf dem Papier des Café du Dôme: „Ich sah oft Mayo, den Ägypter, der mir seltsame Kuchen brachte. Einer war ein Poulet mit grünen Erbsen. Es war aber aus Biskuit und die Erbsen aus Zucker. Ein anderer hatte die Form eines knorrigen Baumstamms mit Fliegenpilzen aus Marzipan darauf. Es wurde viel getrunken und Haschisch geraucht.“

          Eine herzlose Femme fatale?

          Nutzlos für das Fortkommen als Künstlerin war dieser Einstieg in das Nachtleben keineswegs, denn es dauerte nicht lange, bis sie Alberto Giacometti traf und dessen Ohren in Zeichnungen und Wachsskulpturen verewigte. Auf einem Fest bei Kurt Seligmann lernte sie auch Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp kennen und sah das erste Bild des späteren Geliebten Max Ernst.

          Meret Oppenheim: „Mein Album“. Von der Kindheit bis 1943 / Autobiographie.
          Meret Oppenheim: „Mein Album“. Von der Kindheit bis 1943 / Autobiographie. : Bild: Verlag Scheidegger & Spiess

          „Während all dieser Pariser Jahre wurde ‚die Nacht zum Tag gemacht‘. Am Tag wurde geschlafen bis nachmittags“, so das Boheme-Fazit, das man in ihrem „Album“ nachlesen kann. Sie stellte es 1958 unter dem Titel „Von der Kindheit bis 1943“ zusammen, als Reaktion auf die Biographien anderer Surrealisten, in denen sie zu einer herzlosen Femme fatale stilisiert wurde. Vor knapp zehn Jahren ergänzte das Faksimile bereits einen Band, der ihren unveröffentlichten Briefwechsel ins Zentrum rückte.

          Die Reisen nach Paris wurden spärlicher

          Flankiert wird die Neuauflage von dem auf Französisch geschriebenen, bisher unveröffentlichten Text „Meine Biographie“ von 1971 und seiner Übersetzung. Das Resultat ist ein hinreißendes und zugleich kaum einzuordnendes, das visuelle Element bevorzugendes Gesamtkunstwerk aus Tagebuch, Fotografien, Zeichnungen, Anekdoten und kurzen Erinnerungen – eine autobiographische Fundgrube, die nach Oppenheims Verfügung erst zwanzig Jahre nach ihrem Tod 1985 veröffentlicht werden durfte.

          Auf manchen Seiten kleben Originalzeichnungen in Nachbarschaft von Einladungen, Briefen und Bildern, die andere von ihr gemacht haben. Man liest Kritiken, die Korrespondenz mit dem Museum of Modern Art und stößt auf die Namen von Dora Maar oder auch Leonor Fini, die auf der diesjährigen Biennale von Venedig mit einigen Gemälden vertreten ist. Manche Eintragungen dienen der Selbstverortung, wenn Oppenheim etwa schreibt: „Seit 1935 mache ich, um etwas Geld zu verdienen, Entwürfe für die Haute-Couture, die auch zum Teil angenommen wurden. So z.B. ein mit Pelz überzogenes Metallarmband, das Schiaparelli nahm. Dieses war der direkte Vorläufer zur Pelztasse! Rochas nahm Stoffentwürfe. Aber dieses Werk war mir ganz fremd. Ich war viel zu ungeschickt, ahnungslos und in den Wolken.“ Oder sie berichtet über ihre Eltern, die 1933 Deutschland verlassen mussten und in Basel zwar eine neue Heimat fanden, der Tochter aber kein Geld mehr schicken konnten. „Meine Reisen nach Paris wurden spärlicher. Ich wohnte immer noch in einem Atelier, Rue des Plantes. Aber nicht nur äusserlich wurde alles schwieriger. Die Zweifel, die mich schon früher von Zeit zu Zeit befallen hatten, wurden zur Verzweiflung.“

          Meret Oppenheim: „Peperoni auf dem Wasser“, 1938
          Meret Oppenheim: „Peperoni auf dem Wasser“, 1938 : Bild: 2022, ProLitteris, Zürich

          Natürlich ist das Album eine subjektive und lückenhafte Dokumentation ihres Werks und Lebens, in dem nicht nur die letzten drei Jahrzehnte fehlen. Die Nacktfotos, die Man Ray von ihr an der Druckerpresse gemacht hatte, sucht man vergeblich. Stattdessen stößt man auf eine zweizeilige Notiz und eine Zeichnung, die eine der Posen aufgreift. Während der Kriegsjahre zieht sich Oppenheim in der Schweiz ins Private zurück, malt ein leeres aufgeschlagenes Bett, märchenhafte Waldwesen und arbeitet im Garten vor ihrem Atelier. Leere Blätter häufen sich. Wie es nach dem Krieg weiterging, erfährt man im hinteren Teil ihrer „Biographie“: Ab 1950 reiste Oppenheim immer mal wieder in die französische Kapitale, traf Giacometti oder die in der Tschechoslowakei lebende Surrealistin Toyen. Die politisierten Jünger Bretons fand sie „altbacken“, die Atmosphäre stimmte für sie nicht mehr. Die Akte Paris wurde endgültig geschlossen.

          Meret Oppenheim: „Mein Album“. Von der Kindheit bis 1943 / Autobiographie. Hrsg. von Lisa Wenger und Martina Corgnati. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2022. 328 S., Abb., geb., 48,– €.

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