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Wolf Biermanns Autobiographie : Halb Mensch, halb Mythos

Herhör’n! Wolf Biermann spricht im Namen des Vaters. Bild: dpa

Zum Achtzigsten legt Wolf Biermann seine Autobiographie vor – das ironische und selbstironische Dokument eines Geschichtsgewinners, geschmückt mit fabelhaften Anekdoten.

          7 Min.

          Wolf Biermann kennt alle Welt, alle Welt kennt ihn. Also ist er auch Jean-Paul Sartre begegnet, 1979 in einem Pariser Restaurant. Der greise, fast völlig erblindete Großphilosoph, den seine Begleiter auf den berühmten Tischnachbarn hinweisen, lädt den deutschen Liederpoeten zu sich nach Hause ein und will dort, so erinnert sich Biermann, vieles wissen über „meine Familiengeschichte in der Nazizeit“ und über „meine Existenz als Staatsfeind in der DDR“. Das sind eh seine Lieblingsthemen, er legt los. Als er fertig ist, sagt Sartre: „Ja, ja, Monsieur, wir beurteilen Menschen nicht danach, was aus ihnen gemacht wurde, sondern danach, was sie aus dem gemacht haben, was aus ihnen gemacht wurde.“ Biermann ist keineswegs beeindruckt, vielmehr feixt er vergnügt: „Bekannt! Bekannt! Ein typischer Satz von Ihnen . . . Im Grunde ein Hegelwort.“ Worauf der verärgerte Sartre repliziert: „Monsieur, Sie singen ja wohl auch immer wieder dieselben Lieder, weil Sie keine besseren haben.“

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Szene muss schon deshalb wahr sein, weil sie derart fabelhaft gar nicht zu erfinden wäre. Sie zeigt zugleich eine Qualität, die in der Autobiographie dieses nicht restlos uneitlen Autors immer mal wieder sympathisch aufscheint: Pathosbrechung durch Ironie und Selbstironie. Drei Jahre bevor er Sartre trifft, steht eines Sommertags plötzlich Allen Ginsberg vor der Tür in der Chausseestraße 131. „Was ’ne Freude und was’ne Ehre! Der berühmteste Poet der Beat-Generation aus New York in Berlin-Mitte“, notiert Biermann und fügt hinzu, den Promi-besucht-Promi-Moment auf den Punkt bringend: „Wir waren uns herzlich nah und von Herzen fremd.“ Ginsberg hat seinen Lebensgefährten Peter Orlovsky mitgebracht, vom dem er grenzenlos bewundert wird. „Ein ideales Liebespaar!“ bemerkt Biermann, und wohlwissend um die eigene Widerstandslosigkeit gegenüber - in seinem Fall: weiblicher - Verehrung, ergänzt er, spürbar seufzend vor Erleichterung: „Allen Ginsberg war noch ichbesessener als ich.“

          Den Staat ins Wanken gebracht

          Wolf Biermann, der bald achtzig Jahre alt wird, hat zeit seines Lebens das Rampenlicht gesucht - und es noch gefunden, als man es ihm abdrehte. In nicht zu zählenden Stellungnahmen, Einwürfen, Aufsätzen und Interviews hat er bereitwillig und umfassend Auskunft gegeben über jede Facette seines Werdegangs. Es ist überdies klar, dass er nur noch zur einen Hälfte Mensch ist, zur anderen bereits ein Mythos. Er ist der Dichter, der mit seinen Liedern und seiner Unbeugsamkeit einen ganzen Staat, die DDR, wenn nicht zu Fall, so doch erheblich ins Wanken brachte.

          Die direkte gesellschaftliche und politische Wirkung, die seine Werke und seine Persönlichkeit entfalteten, dürfte singulär sein in der deutschen Kultur zumindest des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine poetische Leistung und sein moralischer Rang sind so unbestreitbar, dass man schon müde, ja fast genervt ist, sie noch einmal zu bekräftigen. Wolf Biermann ist der Geschichtsgewinner schlechthin, damit aber auch eine Gestalt, die keinerlei Rätsel mehr zu bergen scheint und deshalb auf viele entzaubert wirkt. Muss seine Autobiographie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ (Propyläen Verlag) deshalb nicht zwangsläufig langweilen?

          Es ist von der ersten Zeile an offenkundig, dass der Autor alles, was er war, wurde und ist, seinerseits einem Mythos zu verdanken und zu schulden meint: dem des abwesend anwesenden Vaters. „Weggerissen wurde der Vater mir, als ich vier Monate alt war“, lautet die erste Zeile. Dagobert Biermann, Arbeiter im Hamburger Hafen, Kommunist und Jude, sitzt bereits vom Mai 1933 an für zwei Jahre in nationalsozialistischer Haft, erwischt beim Drucken des KPD-Parteiblatts. Sofort nach der Entlassung schließt er sich aufs Neue dem Widerstand an. Seine Gruppe wird durch einen Spitzel verraten, im März 1937 erhält er sechs Jahre Zuchthaus, die er „auf einer Arschbacke“ absitzen will. 1943 aber wird er nach Auschwitz deportiert, wo er am 22. Februar stirbt, offiziell an einem Herzklappenfehler.

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