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Wolf Biermanns Autobiographie : Halb Mensch, halb Mythos

Die Namen überschlagen sich: Freunde, Feinde, Feindfreunde, Freundfeinde - von den mal innig geschätzten, mal heftig befehdeten Kollegen Christa Wolf, Günter Grass, Jurek Becker, Heiner Müller, Peter Hacks, Günter Kunert, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Marcel Reich-Ranicki oder Jürgen Fuchs über die allemal vermaledeiten Polit- und Gesellschaftsschurken von Margot und Erich Honecker an abwärts bis zu den Anwälten Wolfgang Vogel und Gregor Gysi sowie zu all den Spitzeln, die Biermann vor und nach der Einsicht in seine Zehntausende Seiten umfassende Stasiakte enttarnt zu haben meint oder enttarnt hat, Sacha Anderson, den multiplen Prenzlauer-Berg-Poeten, an der Spitze. Manche Schlacht wird noch einmal geschlagen, als tobte sie gerade jetzt. Biermann, der so oft Sieger blieb, will immer gewinnen.

Er schildert, was er nicht erlebte

Das eindrücklichste Porträt gelingt ihm über den Schönberg-Schüler und Brecht-Komponisten Hanns Eisler. Biermann, der sich zu Ende der fünfziger und zu Anfang der sechziger Jahre die ersten Sporen an Brechts Berliner Ensemble verdiente, hatte in Eisler einen Lehrer und Förderer ersten Rangs. Dass der in Wien geborene Jude die frühen Versuche des Schülers zumindest partiell für „schenial“ hielt, ist der Empathie des Porträts gewiss nicht abträglich, verhilft aber auch Eisler nicht zum korrekten Konjunktiv. Konjunktive scheint Biermann überhaupt nicht zu mögen, was dem kolloquialen, kräftigen, allermeist ganz indikativischen Stil der Memoiren nur geringen Abbruch tut.

Bei der Gedenkveranstaltung zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im Deutschen Bundestag trat Wolf Biermann auf und sang zur Gitarre.

Nobel schildert der Autobiograph, was er unmittelbar gar nicht miterleben konnte: die Reaktionen auf seine Ausbürgerung nach dem legendären Konzert in der Kölner Sporthalle am 13. November 1976. Nicht sein Rausschmiss sei der Anfang vom Ende der DDR gewesen, notiert er, „sondern der unerwartete Protest gegen sie“. Der offene Brief, mit dem am 17. November zunächst zwölf namhafte DDR-Schriftsteller gegen die Staatsführung protestierten, löste eine Lawine aus und führte auch zu einer „grassierenden Insubordination der Namenlosen“. An vielen Beispielen zeigt Biermann, wie viel die oft ganz jungen Leute dabei riskierten und wie bitter der Preis war, den nicht wenige dafür zu zahlen hatten. „Biermann hat Recht“ wollte ein junger Elektriker aus Halle in blauer Ölfarbe und achtzig Zentimeter großen Buchstaben an eine Mauer der Stadt schreiben. Er wurde gestört, konnte weder den Schreibfehler übertünchen noch die Parole vollenden. Verhaftet, verurteilt und eingesperrt wurde er zwei Jahre danach - „durch einen idiotischen Zufall“ kam die Stasi auf seine Spur.

Seine „Familiengeschichte in der Nazizeit“ und seine „Existenz als Staatsfeind der DDR“ hat Wolf Biermann vor mehr als 35 Jahren Jean-Paul Sartre erzählt, auf gut 500 Seiten gibt er die beiden eng verwobenen Lebensteile jetzt an uns weiter. Sie lesen sich wie ein allerletzter Nachruf auf das Land, das er trotz aller Katastrophen und Tragödien fast bis zu dessen Untergang für den besseren deutschen Halbstaat hielt. Dem Kommunismus endgültig abgeschworen hat Biermann zu Anfang der achtziger Jahre nach einem Besuch beim großen Renegaten Manès Sperber, dem Autor der Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ (1961), handelnd vom Verrat der Kommunistischen Partei an einer großen Idee. Warum der Abschwur nicht früher geschah? Zwei Antworten hat der Autobiograph: Zum einen hätte er dadurch vor der Zeit seine „stärkste Waffe verloren, die immanente Kritik“. Und zum zweiten: „Aus Kinderliebe zu meinem ewig jungen Vater“.

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