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Wolf Biermanns Autobiographie : Halb Mensch, halb Mythos

Des Vaters verpflichtendes Vermächtnis

Wenn Wolf, der Sohn, knapp zehn Jahre später am Heinrich-Hertz-Gymnasium der Heimatstadt eine Fünf in Mathe schreibt, klagt Mutter Emma ihn an: „Und dafür ist dein Vater in Auschwitz gestorben.“ Wenn Wolf, der 1953 auf familiären Wunsch und aus eigenem Drang in die DDR übersiedelt, im realsozialistischen Internat bei Schwerin eine christliche Mitschülerin verteidigt, die von den Lehrern drangsaliert wird, argumentiert er: „Dafür ist mein Vater nicht in Auschwitz gestorben.“ Wann immer er in der Folge vor Entscheidungen steht, die Rückgrat, also Aufrichtigkeit, verlangen - ob gegenüber der Staatssicherheit, die ihn als Spitzel rekrutieren will, ob gegenüber der Partei- und Staatsführung, die ihn zu brechen oder zu bestechen sucht: Es ist des Vaters verpflichtendes Vermächtnis, das ihn zugleich fordert und schützt. Es gibt ihm überdies das Recht, als „rechtmäßiger Erbe“ des wahren Kommunismus aufzutreten und den permanenten Verrat an ihm anzuprangern. Derart emphatisch hat Wolf Biermann das Fundament seiner Existenz noch nicht geschildert und gedeutet. Was er dazu schreibt, ist völlig glaubhaft.

Es erklärt jedoch auch manche Länge des Buchs. Die amerikanische Folk-Sängerin Joan Baez trifft er 1966 in Ost-Berlin. Natürlich erzählt er ihr en détail von den Schikanen, die im Jahr zuvor zum völligen Auftritts- und Publikationsverbot in der DDR geführt haben. Zugleich schwant ihm, dieser ganze „innersozialistische Kleinkram“ könne die berühmte Besucherin ermüden. Den Lesern der Autobiographie wird allerlei Kleinkram schon deshalb nicht erspart, weil das Genre von sich aus nach Ausführlichkeit, gar Vollständigkeit strebt. Also nehmen wir, auch unter Vater Dagoberts gestrengem Blick, teil an jeder Aussprache, an jeder Vorladung mit und bei den SED-Funktionären aller Ebenen, zu denen Biermann genötigt wird, die er bisweilen auch selbst sucht. Die Prosa wird dabei passagenweise so grau, wie es die DDR einst flächendeckend war.

Vom Hit zum Klassiker

Merkwürdig ist gerade an den Kapiteln über die Verbotsjahre seit 1965 und bis zur Ausbürgerung 1976, dass das eigentliche Wunder jener Zeit - Biermann würde es deren dialektische List nennen - zwar vielfach angedeutet und umschrieben, indes nie recht anschaulich wird. Die Lieder und Gedichte nämlich, die damals im inneren Exil entstehen, sind Biermanns Bestes und Bleibendes. Zwischen 1969 und 1975 erscheinen - natürlich nur im Westen, aber sofort auch in die DDR geschmuggelt, dort als Konterbande weitergereicht oder auf landesweit zirkulierende Tonbänder umkopiert - etwa die Langspielplatten „Chausseestraße 131“, „Warte nicht auf bessre Zeiten“, „aah-ja!“ und „Liebeslieder“ - damals deutsch-deutsche Hits eines umschwärmten Pop-Poeten, inzwischen zu unerschütterlichen Klassikern gereift.

Biermann bei einem Konzert in der Kölner Sporthalle 1976 – einem der damals raren Auftritte in der BRD

Biermann erzählt in schöner Ausführlichkeit, wie er, nicht zuletzt dank mütterlicher Finesse, im Osten an westliche Mikrofone, Mischpulte und Rekorder kam; er berichtet auch, wie er am Ende der einzigen genehmigten Westreise jener Jahre - in Hamburg liegt 1973 die geliebte Oma Meume im Sterben - einen klandestinen Abstecher ins Frankfurter Tonstudio der Plattenfirma CBS machen konnte. Allein, wir erfahren nicht, wann und woher er die Energie, die Inspiration, ja schlichtweg die Zeit nahm, um so herrliche Stücke wie die „Bibel-Ballade“, den „Hugenottenfriedhof“, das „Hölderlin-Lied“, die „Ermutigung“, das „Frühstück“, die „Bilanzballade im dreißigsten Jahr“ sowie Dutzende, den Glanzlichtern kaum nachstehende Gedichte und Vertonungen zu schreiben und zu komponieren. Gleichzeitig quoll die Wohnung über von Besuchern aus vieler Herren Länder und wurde darüber zur „Wartehalle der Weltrevolution“; gleichzeitig wollte die dissidentische Freundschaftssymbiose mit dem gleichermaßen verfemten Robert Havemann gepflegt sein; gleichzeitig forderte das „Spiel der Geschlechter“ den Dauereinsatz.

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