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Meinhard Miegels Buch „Hybris“ : Wir sind doch keine rosa Plüschhasen

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Meinhard Miegel in seinem neuen Buch „Hybris“: Die Krise gibt es gar nicht! Bild: Edgar Schoepal

Was ist die Ursache unserer grassierenden Überforderung? Meinhard Miegel zeigt in seinem neuen Buch „Hybris“, wie alles ganz anders sein könnte. Wenn man will.

          Ein Gespenst geht um in Deutschland, es trägt einen weißen Bart und eine getönte Brille. Seit der Berliner Künstler Friedrich Liechtenstein im Netz für die Supermarktkette Edeka wirbt, haben seine Clips die Nutzer verzaubert. Mehr als fünf Millionen Mal wurde abgerufen, wie der soignierte Herr in den besten Jahren durch die Stuben der Verbraucher und zwischen den Regalen eines Supermarkts tanzt und einfach alles lobt: Super Fritten, Bio ist super und sehr geiler Dorsch übrigens auch.

          In kurzen spin offs zum längeren Clip wendet sich der Künstler direkt an die Zuschauer, er ist dann das Gegenstück zu Frank Underwood in der amerikanischen Politserie „House of Cards“. Wo Underwood uns mit seinen zynischen Erkenntnissen über das große Fressen und Gefressenwerden der Politik belastet, kommt von Liechtenstein der pure Trost: Deine Kinder? Alle wohlgeraten. Die Arbeit? Sagenhaft, was du da ablieferst - teilweise. Und allgemein: Wie du das immer schaffst, alles im Griff zu behalten. Würden real existierende Bürger, manche Väter und Mütter so angesprochen und rundum nicht bloß gelobt, sondern gewissermaßen in einem ästhetisch-historischen Gesamtbefund für völlig in Ordnung erklärt, sie wären zu Tränen gerührt.

          Die leichtfüßige, tänzelnde ironische Vaterfigur aber, die in altmodisch tönender Stimme alles supergeil findet, ist ein Sohn der seit sechs Jahren andauernden Krise. Denn in Wirklichkeit ist es ja nie so richtig super. Trotz eines historisch nie zuvor erreichten Wohlstands, einer Spitzenstellung in Technik und Wirtschaft kann von einem entsprechenden Werkstolz keine Rede sein.

          Funktionieren bis zur Erschöpfung

          Am Arbeitsplatz haben Optimierungsalgorithmen und nie endende Prozesse die Orientierungsfunktion übernommen. Und so auch in der Erziehung - Reform der Reform, immer mehr Lehrstoff, eine Akademisierung und Qualitätskontrolle noch der Freizeit -; im Sport, im Tourismus und im Städtebau.

          Je mehr die Kanzlerin beschwichtigt, desto unruhiger fühlen sich die Leute, und je mehr sie sich bemühen, desto weiter scheint der Horizont ungelöster Probleme und das Leben eine täglich neu komponierte To-do!-Liste. Einstweilen wird dieses dumpfe Hamsterradgefühl im Privaten bekämpft: mit Wohlfühlritualen, angestrengt improvisierter „Work-Life-Balance“ und Teelichtern auf der Badewanne. Doch die große Müdigkeit ist keine individuelle Befindlichkeit. Sie resultiert aus einer Reihe vor langer Zeit getroffener Entscheidungen: ein modernes Betriebssystem, in dem alle bis zur Erschöpfung funktionieren.

          Die Krise gibt es gar nicht, wir wollen nichts mehr von ihr hören

          Dieses System wird in einem heute erscheinenden Buch lesbar gemacht. Meinhard Miegel, der einst als Sozialwissenschaftler an der Seite von Kurt Biedenkopf für eine modernere CDU kämpfte, hat sich seit langem einen Namen als Wachstumskritiker gemacht. In „Hybris“ sammelt er nun seine Erkenntnisse und plötzlich wird deutlich, was uns alle wie die rosa Plüschhasen von Duracell antreibt.

          Man versteht plötzlich die Nachrichten ganz anders: Miegel verknüpft markante Punkte wie den BER-Skandal, die Hamburger Elbphilharmonie und die täglichen Staus, Verspätungen und Störungen im Betriebsablauf zu einem eindeutigen Umriss. Wir erkennen das nach allen Seiten expandierende Muster westlicher Wachstumslogik: Höher, schneller, mehr!

          Darum wird man nach der Lektüre auch nichts mehr von der Krise hören wollen. Die Krise gibt es gar nicht, schreibt Miegel. Es gibt folglich nichts zu bewältigen oder gar zu meistern, keinen status quo ante, zu dem eine weise Obrigkeit uns zurückführen könnte, nachdem wenige schwarze Schafe es geschafft hatten, den ganzen Globus ins Taumeln zu bringen. Die Krise ist bloß die ganz normale Erschöpfung infolge einer ideologisch gepflegten, kollektiven Maßlosigkeit: maßloser Konsum, maßlose Produktion, Maßlosigkeit um der Maßlosigkeit willen. Das ermüdet.

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