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: Mein Wille will nicht so, wie ich es will

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Das herkömmliche Bild von der Philosophie des Mittelalters hatte eine klare Kontur. Der Zenit lag bei Thomas von Aquin, der durch seine produktive Rezeption des Aristoteles eine einmalige Verbindung von griechischem Vernunftdenken und dem Christentum zustande gebracht hatte. Danach kam es schrittweise ...

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          Das herkömmliche Bild von der Philosophie des Mittelalters hatte eine klare Kontur. Der Zenit lag bei Thomas von Aquin, der durch seine produktive Rezeption des Aristoteles eine einmalige Verbindung von griechischem Vernunftdenken und dem Christentum zustande gebracht hatte. Danach kam es schrittweise zu einem Vordringen von Voluntarismus und Nominalismus, wofür Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham als Leitfiguren standen, was sich dann nach der Reformation im Protestantismus fortsetzte und verstärkte. Die so gesehene Entwicklung wurde von katholischer Seite, zumal während der kirchenamtlichen Vorherrschaft der Neuscholastik, vorwiegend als Abfall kritisiert, von anderer Seite hingegen als Aufbruch in geistige Freiheit und die Moderne verteidigt.

          Dieses Bild hat sich, wiewohl zuweilen auch an höchster Stelle noch tradiert, inzwischen grundlegend verändert. Dazu haben etliche Forschungen der letzten Jahrzehnte beigetragen. Sie haben eine neue Sicht nicht nur auf Thomas von Aquin und die Aristoteles-Rezeptionen des 12. und 13. Jahrhunderts, sondern vor allem auf Duns Scotus und Wilhelm von Ockham gebracht, bei den letzteren unterstützt durch voranschreitende quellenkritische Werkausgaben. Ludger Honnefelder, katholischer Theologe und Philosoph, zuletzt Inhaber des Guardini-Lehrstuhls an der Humboldt-Universität Berlin, hat daran in zahlreichen Einzeluntersuchungen mitgewirkt. Nun legt er, darauf aufbauend, eine zusammenfassende Gesamtbetrachtung vor. Sie hat luzide, an Quellenbelegen und Innovationen reiche Tiefenbohrungen zum Gegenstand, die eine bemerkenswerte Dramatik und Spannung im philosophischen Denken des Mittelalters aufzeigen.

          Als Auslöser hierfür sieht Honnefelder das Aufeinandertreffen des sich ausbreitenden christlichen Glaubens, der mit dem Anspruch auftritt, eine universal geltende, wenngleich geschichtlich offenbar gewordene Wahrheit über die Welt, das Leben und das Heil der Menschen zu enthalten, mit der paganen antiken Philosophie, die auf der Grundlage rationaler (Logos-) Erkenntnis ebenfalls ein Anspruch auf universale Wahrheit und Welterklärung verkörpert. Das führt zu wechselseitigen Herausforderungen, die in Begegnung und Auseinandersetzung ebenso von inhaltlichen Affinitäten und rezipierenden, auch instrumentalisierenden Annäherungen getragen werden wie von zurückweisenden Abgrenzungen. Sie bringen, einander vorantreibend, philosophisch-theologische Erkenntnisse, Reflexionen und Positionsnahmen hervor, die vielfach über sich hinaus und in die Moderne hinein weisen.

          Honnefelders erste Tiefenbohrung richtet sich auf die frühchristliche Zeit bis hin zu Augustinus, die in der Begegnung mit der antik-hellenistischen Philosophie und Kultur unter deren umprägender Aufnahme und in Auseinandersetzung mit ihr die eine christliche Wahrheit als die einzig wahre Philosophie zu erweisen sucht. So sollte der Vorrang einer alles umfassenden Theologie begründet werden, welche die Philosophie in die "Vorhalle" verweist. Zugleich geriet die Theologie damit unter den Zwang, Antworten auf alle Fragen zu geben, die die Philosophie stellt.

          Eben dies führt - hier setzen die nächsten Tiefenbohrungen an - im Zuge der ersten und dann der zweiten Aristoteles-Rezeption im 12. und 13. Jahrhundert zur großen Herausforderung durch die aristotelisch-arabisch geprägten philosophi, welche die Philosophie und insbesondere die Metaphysik als Wissenschaft nach den von Aristoteles aufgestellten Kriterien wissenschaftlichen Denkens und Argumentierens konstituieren, für sie den Anspruch universaler Geltung erheben und die Theologie - als die vorgeblich wahre Philosophie - damit konfrontieren. Daraus resultiert eine sich immer wieder hervorkehrende Spannung: aristotelisch-averroistischem Necessetarismus und der Festlegung Gottes auf den unbewegten Beweger steht das Verständnis der Welt als Schöpfung Gottes ex nihilo und Gott selbst als liebend-wollender und handelnder Gott gegenüber, der Lehre vom guten Handeln aus innerweltlicher, vernunftgetragener Argumentation (Nikomachische Ethik) die göttlichen Gebote im Alten und Neuen Testament. Das setzt ein Höchstmaß an denkerischer Bewegung und philosophischer Reflexion frei.

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