https://www.faz.net/-gr3-45gs

: Mein schauerliches Schmuddelkindchen!

  • Aktualisiert am

Es passiert nicht viel, um die Bücher des mexikanischen Erzählers Juan Rulfo (1917 bis 1986) lebendig zu halten, wie sollte es auch. Mexiko ist weit weg, Rulfo ist tot, und sein Werk ist so klein, daß man sich sagt: Hier hat einer im zwanzigsten Jahrhundert geschafft, was Georg Büchner im neunzehnten gelang, mit ganz wenigen Seiten als Großer zu gelten.

          6 Min.

          Es passiert nicht viel, um die Bücher des mexikanischen Erzählers Juan Rulfo (1917 bis 1986) lebendig zu halten, wie sollte es auch. Mexiko ist weit weg, Rulfo ist tot, und sein Werk ist so klein, daß man sich sagt: Hier hat einer im zwanzigsten Jahrhundert geschafft, was Georg Büchner im neunzehnten gelang, mit ganz wenigen Seiten als Großer zu gelten. Mehr geht nicht.

          In Zahlen: Zu den kaum zweihundert Seiten des legendären Erzählbandes "Der Llano in Flammen" (1953) und dem noch schmaleren Roman "Pedro Páramo" (1955) kam 1980 unter dem Titel "Der goldene Hahn" ein Band mit Drehbuchentwürfen hinzu, aber dann war Schluß. Seitdem sprechen nur noch diese Werke, die in Mexiko in der volkstümlichsten aller Ausgaben erscheinen, als Taschenheftchen des Traditionshauses "Fondo de Cultura Económica". Juan Rulfo ist nicht nur der größte, sondern wohl auch der meistgelesene Schriftsteller der modernen mexikanischen Literatur. Seine hermetische Welt, seine Scheu vor Selbstkommentaren und die hohen Anforderungen an sich selbst, die ihn große Teile seiner Produktion vernichten ließen, erinnern an die Idee einer Kunst ohne Erdenrest, reines Schreiben, das schon damals ungewöhnlich war und im Zeitalter der Selbstvermarktung nahezu undenkbar geworden ist.

          Natürlich möchte man von dem Mann alles erfahren, seiner Unnahbarkeit zum Trotz. Erst nach Rulfos Tod wurden in Europa die Dimensionen seines fotografischen Werks bekannt, das jetzt in bisher nicht erreichter Repräsentativität auch in einer deutschen Buchausgabe vorliegt (F.A.Z. vom 27. Februar). Die andere Überraschung stellen die Liebesbriefe dar, zu deren Veröffentlichung sich Rulfos Ehefrau Clara Aparicio vor drei Jahren entschloß und die in Susanne Langes zuverlässiger Übertragung nun deutschsprachigen Lesern zugänglich sind. Die Anmerkungen der Übersetzerin stützen sich auf die spanische Originalausgabe (Debate, Madrid 2000), fügen aber auch nützliche Informationen hinzu, und das Nachwort gibt einen guten Überblick über neueste Erkenntnisse der Rulfologie. Zum Beispiel spricht einiges dafür, daß der Schriftsteller 1917 geboren wurde (und nicht 1918 oder 1919, wie es in zahlreichen Nachschlagewerken steht).

          Also Liebesbriefe. Aber warum? Zweifellos im Vertrauen darauf, daß die Leser ihnen das Richtige entnehmen werden. Bevor es darum gehen soll, ist eine Warnung am Platz: Es hat keinen Sinn, dieses Buch aus allgemeinem Interesse an der Liebe zu lesen. Oder aus allgemeinem Interesse an Mexiko. Oder aus Neugier auf Klatsch aus Literatenkreisen. Denn um irgend etwas davon zu liefern, ist das Buch nicht literarisch, erotisch (das schon gar nicht) oder soziologisch genug, übrigens auch zu privat, zu geduldig in den oft sehr schlichten Details (welche Wohnung Rulfo mieten soll, ob die Fenster zum Hof gehen sollen oder zur Straße) und insgesamt etwas zu fragmentarisch. Wer Juan Rulfo noch nie gelesen hat, sollte ihn hier, in diesen Briefen, nicht zuerst lesen, sondern zu den Erzählungen sowie dem unsterblichen "Pedro Páramo" greifen. Wer ihn dagegen wohl gelesen hat und mag, wird den Band "Wind in den Bergen" kennenlernen wollen, denn die Briefe eines plaudernden, scherzenden, spielerischen Rulfo stellen eine wertvolle Quelle über einen Jahrhundertschriftsteller dar.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach den britischen Wahlen : Mehr Blair fürs Volk

          Boris Johnson ist mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht. Warum fühlt man sich jetzt dennoch an einen früheren Labour-Premier erinnert?
          „Chapeau“ für den Wahlsieger: EZB-Präsidentin Lagarde, Merkel und von der Leyen am Freitag in Brüssel

          EU reagiert auf Wahlsieg : „Chapeau, muss man einfach sagen“

          Die EU-Regierungschefs äußern sich erleichtert über das britische Wahlergebnis. Auch Angela Merkel findet lobende Worte für Johnson. Nun wollen sie rasch über die Zukunft verhandeln – im eigenen Interesse.
          Süßigkeiten unterschiedlichster Marken

          Milka-Eigentümer : Mondelez im Visier von Kartellwächtern

          Die österreichische Vertriebstochter des Konzerns, zu dem unter anderem die Marke Milka gehört, soll europäische Graumarkthändler mit großen Mengen an Schokolade und Keksen versorgt haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.