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Meike Hopp: Kunsthandel im Nationalsozialismus : Das grausige Monopol des Adolf Weinmüller

  • -Aktualisiert am

Bild: Böhlau Verlag

Unter Profiteuren: Eine beeindruckende Studie legt die unrühmliche Geschichte des Kunsthandels in der Zeit des Nationalsozialismus frei.

          3 Min.

          Fangen wir mit einem Ratespiel an. In welchem Jahr wurde dieser Satz geschrieben? „Die Staatsgalerien und die städtischen Sammlungen haben kein Geld mehr für Ankäufe, oder nicht so viel, dass sie mit dem Händler konkurrieren könnten.“ 2012? Nein, 1923. Oder was ist damit?: „Das herrliche Bild stieg von 400 000 Mark, wofür es geboten wurde, innerhalb weniger Minuten bis auf eine Million und zehntausend Mark.“ Aus dem Kunstmarktboom der neunziger Jahre? Nein, auch aus der Weimarer Republik. Es war das Jahr 1921, als ein Gemälde Anselm Feuerbachs zum ersten Mal auf einer deutschen Auktion die Millionengrenze überschritt. Verkauft wurde es in die Schweiz, ein Schlupfloch in der „Verordnung über die Ausfuhr von Kunstwerken“ nutzend.

          Was folgte, war eine Diskussion über Sinn und Unsinn des Kunstmarkts, über private Interessen und öffentliche Aufgaben, über Spekulanten, Investoren und Händler, die sich zu Ringen zusammenschlossen, um bei Auktionen die Preise zu manipulieren. Fast jeder Satz dieser Debatte könnte auch heute formuliert worden sein. Damals folgten aber keine Reformen, sondern das Jahr 1933. Zum Sündenbock wurden die Juden erklärt, wie sich davon profitieren ließ, war auch klar: durch Arisierung. Habgier hieß jetzt „deutschnationale Gesinnung“.

          Aufarbeitung mit Hilfe des Firmenarchivs

          Den „Kunsthandel im Nationalsozialismus“ hat die Kunsthistorikerin Meike Hopp in einer beeindruckend klaren wie aufwendig recherchierten Studie aufgerollt, in deren Mittelpunkt das 1936 eröffnete „Münchener Kunstversteigerungshaus Adolf Weinmüller“ steht; 1938 folgte eine Dependance in Wien. Bemerkenswert ist Hopps Forschungsarbeit aus mindestens zwei Gründen: Zum einen, weil Weinmüller als wichtigster Kunsthändler im Nationalsozialismus gilt; er verkaufte an NSDAP-Funktionäre wie Martin Bormann oder Händler wie die Galeristin Maria Almas-Dietrich, die Kunstwerke an Hitlers geplantes Führermuseum in Linz vermittelte. Weinmüller war eine Schlüsselfigur, sein Geschäftsmodell zu erklären heißt, tatsächlich zu verstehen, wie der Kunsthandel im Nationalsozialismus organisiert wurde.

          Bemerkenswert ist Hopps Arbeit aber noch aus einem zweiten Grund: Bei Anfragen von Historikern schnappen die Archivtüren von Auktionshäusern üblicherweise so sicher zu wie die Schalen der Riesenmuscheln, die sich bei Berührung schließen, um den Schatz im Inneren zu verbergen. Nicht so in diesem Fall. Katrin Stoll, die Geschäftsführerin des Kunstauktionshauses Neumeister, das 1958 Weinmüllers Unternehmen übernahm, stellte großzügig das Firmenarchiv zur Verfügung. Das Wiener Dorotheum ausgenommen, hat sonst bisher keine weitere Institution des Kunsthandels im deutschsprachigen Raum seine Geschichte aufarbeiten lassen.

          Gute Kontakte zur NSDAP

          Was Hopp ausgehoben hat, ist ein grausiges Schlangennest, in dessen Zentrum Adolf Weinmüller sitzt. Den Traum vom Tellerwäscher zum Millionär verwandelte er, der von einem unbedeutenden Kunsthändler zum Monopolisten aufstieg, in einen Albtraum. Ausgeschaltet wurde eine jüdische Kunsthandlung nach der anderen, darunter das Auktionshaus Hugo Helbing, das zu den größten in der Weimarer Republik zählte. Zwischen 1936 und 1943 fanden allein in München bei Weinmüller dreiunddreißig Versteigerungen statt, zusätzlich Verkaufs- und Sonderausstellungen, so dass insgesamt etwa 24 500 Objekte von 1800 Einlieferern das Haus durchliefen. Wie das ging?

          Auf über dreihundert Seiten, gefolgt von einem Dokumentenanhang, zeichnet Hopp die Intrigen nach, hier sei nur der wichtigste Schachzug genannt: Weinmüller verfügte über gute Kontakte zur NSDAP und leitete von 1933 an den neu gegründeten Bund deutscher Kunst- und Antiquitätenhändler e.V.. Mitgliedschaft war Pflicht, um eine Versteigerungs- oder Kunsthandelslizenz zu erhalten. „Ungeeignete und unsaubere Elemente“ hingegen durften nicht beitreten - damit waren die Juden gemeint. 1935 verlor Hugo Helbing seine Lizenz, 1938 wurde er in der „Reichspogromnacht“ verhaftet und niedergeschlagen. Helbing, fünfundsiebzig Jahre alt, erlag seinen Verletzungen.

          Die Netzwerke funktionierten weiter

          Unliebsamer deutscher Konkurrenz entledigte man sich wie folgt: 1934 trat ein neues Versteigerungsgesetz in Kraft, nach dem Kunsthändler und -versteigerer nachweisen mussten, dass es „ein Bedürfnis“ auf dem Markt für ihr Unternehmen gebe. Die Genehmigung lag bei einem Sachverständigenkomitee der Industrie- und Handelskammer, dem natürlich Adolf Weinmüller angehörte. Er lehnte so lange Anträge ab, bis er 1937 ein Monopol auf Kunstversteigerungen in München besaß; die enteigneten Sammlungen jüdischer Besitzer kamen bei ihm unter den Hammer.

          Die Entrechtung der jüdischen Konkurrenz organisierte der Kunsthandel also selbst, noch vor der Verkündigung der Nürnberger Gesetze im September 1935. Die Rassenideologie lieferte den willkommenen Überbau der eigenen Raubzüge, man war Antreiber und Profiteur - auch nach dem Krieg. Die Netzwerke, die man im Nationalsozialismus aufgebaut hatte, funktionierten weiter. Weinmüller starb 1958, sein Haus galt als führend.

          Diese Geschichte endlich aufzuarbeiten ist das große Verdienst von Meike Hopp, sich dieser Geschichte auch zu stellen das von Katrin Stoll, die im Vorwort schreibt: „Da die Provenienzforschung zum Alltag eines Auktionshauses gehört, kann es nur in unserem Interesse liegen, diese durch Eigeninitiative maßgeblich zu unterstützen und zu fördern.“ Dass dieses Beispiel Schule macht, ist zu hoffen.

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