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Meier/Patzold: August 410 - Ein Kampf um Rom : Tränen über mein Lieblingshühnchen Roma

Bild: Verlag

Ansichten einer Katastrophe: Mischa Meier und Steffen Patzold sammeln Nachrichten über den Untergang Roms. Ein Gewinn für die Geschichtswissenschaft.

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          Am 24. August 410 eroberte ein aus Goten, Hunnen, Alanen und anderen Völkerschaften gemischtes Heer unter der Führung Alarichs die ehemalige Hauptstadt des Römischen Reiches und plünderte sie drei Tage lang. Ferdinand Gregorovius, der Autor der populären „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“, hat das Ereignis geschildert: „Die Barbaren ergossen sich durch alle Viertel Roms, jagten die Schwärme der Flüchtlinge vor sich her und metzelten sie nieder . . . Indem sie in dem ersten Triebe nach Gold Paläste und Thermen, Kirchen und Tempel angriffen, entleerten sie Rom mit der Hast von Räubern wie eine Schatzkammer. Der trunkene Hunne hielt sich nicht bei der Betrachtung der Kunst auf, welche alexandrinische Meister für den feinsten Luxus der Frauen Roms verwandt hatten . . . Die Plünderer ergriffen diese Schätze, nachdem sie zuvor den zitternden Schlemmer Fabunius oder Reburrus niedergestoßen und die Besitzerin in ihrer brutalen Umarmung erstickt hatten. Kaum konnte in einer Stadt der Welt je eine reichere Beute dem Feinde zugefallen sein . . .“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          An dieser Beschreibung, mit der Generationen deutscher Gymnasiasten und Rompilger aufgewachsen sind, ist nichts falsch – außer dass sie frei erfunden ist. Sie ist ebenso sehr Fiktion wie alle anderen Berichte über den Fall der Ewigen Stadt vor sechzehnhundert Jahren, die der Althistoriker Mischa Meier und der Mediävist Steffen Patzold in ihrer Studie über den „Kampf um Rom“ Revue passieren lassen. Denn keiner der Geschichtsschreiber, die sich bei Meier und Patzold die Klinke der Überlieferung in die Hand geben, hat das Drama vom August 410 mit eigenen Augen gesehen. Selbst das, was die Zeitgenossen über Alarichs welthistorischen Coup erzählt haben, war von Anfang an Deutung, Ausschmückung, Imagination. Bis ins neunzehnte Jahrhundert, als Gregorovius sein grandioses Untergangspanorama dichtete, wuchs so ein babylonischer Turm von Romgeschichten und -bildern über einem unsichtbaren Fundament, einem im Abgrund der Zeit versunkenen Stück Wirklichkeit heran. Niemand wusste, was wirklich in Rom passiert war, aber jeder wollte es wissen. So bekam jede Epoche die Katastrophenstory, die ihr passte.

          Das Ende des antiken Heidentums

          Was Meier und Patzold in diesem Buch tun, könnte man schlicht als Quellenkritik bezeichnen. Aber das würde ihrem ebenso simplen wie raffinierten Ansatz nicht gerecht. Denn statt wie die klassische Geschichtsschreibung zu versuchen, die Wahrheit durch vergleichende Lektüre aus den Quellen herauszufiltern, wechseln unsere beiden Autoren einfach die Blickrichtung und betrachten die allmähliche Verfertigung des Ereignisses in der historischen Erzählung. Dabei wird einerseits klar, dass es die eine und ganze Wahrheit über den Fall von Rom nie gegeben hat. Andererseits blickt man in ein Labyrinth von Narrativen und Spekulationen, das ebenso reich und rätselhaft ist wie das Geschehen selbst. Nicht die Goten und Römer, sondern die schreibenden Schlachtenbummler der Weltgeschichte sind die Helden dieses Bandes.

          Die Konstruktion der Untergangserzählung beginnt schon vor ihrem eigentlichen Anlass – mit einem Panegyrikus, den der römische Dichter Claudian im Jahr 402 auf den germanischstämmigen Feldherrn Stilicho, seinen Gönner, verfasste. Darin verglich er die Taten Stilichos, der gerade die Scharen Alarichs aus Italien vertrieben hatte, mit den Werken griechischer Sagenhelden und kam zu dem für Eingeweihte keineswegs überraschenden Ergebnis, dass der spätantike Kriegsmann die klassischen Recken à la Jason weit übertroffen habe. Um diese Behauptung halbwegs plausibel zu machen, dehnte Claudian den Gotenkrieg Stilichos glatt auf dreißig Jahre aus. So wuchs das Format seines Förderers mit der Größe der Gefahr.

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