https://www.faz.net/-gr3-u8z7

Medien : Keine Verblödung, sondern neue Intelligenz

  • -Aktualisiert am

Eine Nacht mit Lara Croft weckt den Forscherdrang, und die Serie „24“ ist komplizierter als ein Dostojewski-Roman: Ein Autor behauptet, dass Computerspiele und Fernsehen uns nicht dümmer, sondern klüger machen.

          3 Min.

          Vor diesem Buch muss eindringlich gewarnt werden. Im Selbstversuch zeitigte es erschreckende Folgen. Während der Lektüre starrten wir stundenlang mit leerem Blick auf endlose Buchstabenfolgen. Nur mit der rechten Hand führten wir alle paar Minuten zuckende Blätterbewegungen durch, um die Seite umzuschlagen und den Sprung ins nächste Kapitel zu schaffen. Nachher fühlten wir uns ausgelaugt, und noch beim Einschlafen geisterten Wörter wie „Schläferkurve“ oder „Strat-o-matic“ durch unser Bewusstsein.

          Natürlich sagt diese Beschreibung von Symptomen nichts über die Qualitäten dieses anregenden Buchs aus. Denn äußerlich stellten Leser immer schon ein Horrorbild der Vereinsamung und Weltabgewandtheit dar. Für die oberflächliche Betrachtung muss es ein ewiges Rätsel bleiben, was uns an Büchern seit zwei Jahrtausenden fasziniert. Eine ähnliche Sachlage stellt nun der amerikanische Sachbuchautor Steven Johnson bei weniger gut beleumundeten Erfindungen mit kürzerer Historie wie Computerspielen, Internet und Fernsehen fest - also bei Medien, die uns nach landläufiger Meinung nicht klüger, sondern dümmer machen.

          Verteidigung der Massenkultur

          Im amerikanischen Original trägt „Neue Intelligenz“ den lustigeren Titel „Everything Bad Is Good for You“ - und das klingt nach einer Kampfschrift, die uns das schlechte Gewissen beim Glotzen, Surfen und Daddeln austreiben will. Tatsächlich geht es auch Johnson um eine Verteidigung der Massenkultur gegen die „Verblödungs-Hypothese“. Doch er fordert nicht etwa den hochkulturellen Adelsschlag für den Trash. Die Storys der meisten Computerspiele, so räumt Johnson ein, „entsprechen dem Niveau schlechter Hollywoodfilme“. Doch statt der Inhalte interessieren den gleichermaßen mit Literaturtheorie und Neurowissenschaft geschlagenen Autor jene Vorgänge im Hirn des Mediennutzers, die beim Vergleich mit klassischem Bildungsgut unsichtbar bleiben.

          Ihren Sitz im Leben haben Johnsons Überlegungen bei seinen Erfahrungen mit Würfel-Baseball-Spielen - frühen Sportsimulationen, die noch ohne Computer und Monitor auskamen und mit Hilfe von Spielwürfeln und Referenztabellen auf dem Papier ausgetragen wurden. Diese hochkomplexen Spiele, denen Johnson als Kind ganze Wochenenden widmete, sind hermetische Wissenschaften, die sich dem Erwachsenen später nicht mehr erschließen. Aus dem Anblick der Zahlenkolonnen, die den denkbar krassesten Gegenpol zum Realismus verkörpern, erwuchs ein Zweifel an der Allerweltsthese, beim Spielen gehe es zunächst um Lustgewinn und schnelle Befriedigung, während nur ernsthafter Zeitvertreib geistige Anstrengung und das Abarbeiten am Gegenstand erfordere.

          Pflichtbewusstsein statt Hedonismus

          „Spiele sind Teufelszeug und können einen zum Wahnsinn treiben“, stellt Johnson nüchtern fest. „Sie sind nämlich höllisch schwer.“ Den Grundbefund, dass Unterhaltungsprodukte viel öfter für Frustration als für Wunscherfüllung sorgen, verlängert er auch in die scheinbar widerstandslosen Welten des elektronischen Hyperrealismus. Jeder, der schon einmal eine halbe Nacht mit Lara Croft in unterirdischen Tempelanlagen verbracht hat und über Stunden den Ausgang aus einer Grabkammer suchte, wird diesem umgewerteten Höhlengleichnis zustimmen. Die meisten Computerspiele appellieren eher ans Pflichtbewusstsein als an den Hedonismus: Preußen war der reinste Freizeitpark im Vergleich zu einer mit Aufträgen und Jobs vollgepackten Welt wie der Gangsterstadt in „Grand Theft Auto“.

          Folglich setzen Videospiele auch weniger die fürs Glücksgefühl zuständigen Endorphine in Bewegung als das Belohnungssystem des Dopamins. Aus neurowissenschaftlicher Sicht ist Kreativität eine erstaunlich eindimensionale Angelegenheit: Nur ein vom Körper erzeugter Mangel am Botenstoff Dopamin treibt uns an, nach Lösungen für Probleme zu suchen und selbst ein schier unüberwindliches Level zum zehnten Mal durchzuspielen, bis die Dopaminquelle endlich sprudelt. Demnach regt jedes Spiel, ganz gleich wie abwegig sein Szenario in der Nacherzählung anmuten mag, den Forscherdrang an und ruft zum restlosen Erkunden seiner „Physik“ auf. Denn anders als bei klassischen Gesellschaftsspielen besteht bei Videospielen das unausgesprochene Ziel stets darin, die Gesetze der Spielewelt zu entschlüsseln. Und diese Regelwerke haben sich seit den simplen Labyrinthen von „Pacman“ zu ganzen Disziplinen ausgewachsen, die von ihren Anwärtern härtestes Studium verlangen.

          „24“ komplizierter als Dostojewski

          Natürlich verwischt Johnsons formalistischer Blick den Unterschied, der die Meisterschaft in „World of Warcraft“ vom Expertentum in Mediävistik unterscheidet. Und auch seine Untersuchung des Fernsehens und des Internets sieht im Namen der Strukturen von den Gegenständen ab. So vergleicht er, um das gestiegene Niveau durchschnittlicher Fernsehserien zu veranschaulichen, ein Diagramm der Handlungsstränge von „Starsky & Hutch“ mit einer Folge von „The Sopranos“. Während der Klassiker aus den Siebzigern wie ein aus einem Holz geschnitzter Balken aussieht, gleicht die seit 1999 ausgestrahlte Mafia-Serie einem wilden Lochstreifen. Und das Beziehungsnetzwerk aus „24“ stellt in seiner Komplexität jeden Roman von Dostojewski in den Schatten. Avantgardistische Serien zielen heute, so Johnson, nicht auf ein Elitenpublikum wie im Bildungsfernsehen, sondern auf die Massen. Und ähnlich wie bei Computerspielen hält ein eingebautes Belohnungssystem die Zuschauer intellektuell bei der Stange: So gibt es bei den „Simpsons“ immer wieder eine Extraportion Komik für all jene, die genauer hinsehen und die Anspielungen auf Hollywoodklassiker entdecken.

          Grundsätzlich erfrischt eine Perspektive, die das immer dichter besiedelte Medienumfeld als Schule unserer Intelligenz entdecken möchte und sogar für den statistischen Anstieg des Intelligenzquotienten verantwortlich macht. Auf der anderen Seite wird man nicht jeden Leser für blöde halten wollen, der sich von Johnsons Lob des schlechten Niveaus für dumm verkauft vorkommt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Macbook Air, Macbook Pro und Mac Mini

          Macbook mit M1-Chip im Test : Potzblitz

          Die neuen M1-Rechner von Apple laufen nicht nur besser als gedacht, sondern sind Tempomaschinen. Geht es um die Software-Kompatibilität, gibt es eine große Überraschung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.