https://www.faz.net/-gr3-16jxe

Maxwell R. Bennett und Peter M. S. Hacker: Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften : Was sich im Kopf nicht alles finden lässt!

Den Einwand, dass die neurowissenschaftliche Verwendung dieser Begriffe doch gegenüber deren alltäglichem Gebrauch eigene Wege gehen könne - ob als Analogien, Metaphern oder auch als strikte Neudefinitionen, die unsere bloße "Laienpsychologie" hinter sich lassen -, diesen Einwand wollen die Autoren nicht gelten lassen. Denn man könne nun einmal leicht sehen, dass die Begriffe in den Erklärungen der Hirnforscher durchaus die vertrauten Bedeutungen behalten. Was auch nicht weiter verwunderlich sei, denn wie anders sollte die neuronale Basis der in diese und keine anderen Begriffe gefassten mentalen Fähigkeiten auch erklärt werden können. Anders formuliert: Es gibt keine korrigierende Instanz "unterhalb" unserer eingespielten Begriffe und Redeweisen, jenseits ihrer mit Handlungskontexten eng verwobenen "Grammatik". Glaubt man, sich von dieser Grammatik dispensieren zu können, ist man schon auf einem Ausritt über die Grenzen des Sinns.

Zur Behandlung der unter Neurowissenschaftlern verbreiteten Neigung zu solchen Ausritten gehört bei Bennett und Hacker auch eine historisch ansetzende Diagnose. Sie lautet auf einen nur unvollständig überwundenen Dualismus von Körper und Geist, in dessen Zeichen die moderne Neurowissenschaft auf den Weg gekommen war. Statt diesen schiefen Dualismus der disziplinären Wegbereiter nämlich wirklich hinter sich zu bringen, rückte an die Stelle des Geistes später das Gehirn als neuer Träger aller psychischen Eigenschaften - was zwar auf den ersten Blick empirisch sehr solide wirkt, tatsächlich aber die alte Entgegensetzung in neuer Form fortschreibt. Zuvor war der Geist Schauplatz eines inneren Geschehens gewesen, das den körperlichen Ausdruck genauso wie unsere sprachliche Bezugnahme auf dieses Geschehen nachrangig, als eine Art von Übersetzung erscheinen ließ. Nun ist es das Gehirn, das als eigentlicher innerer Strippenzieher auftritt: selbst zwar körperlich und doch gleichzeitig genauso wie der weiland geisterhafte Geist des alten Dualismus von seinen äußeren Manifestationen seltsam abgehoben.

Woraus man ersieht, dass ein immer schon zu Missverständnissen einladendes Bild von innen und außen unter den neuen Auspizien - Hirn als materialisierter Geist - an Verführungskraft eher noch gewinnt als verliert. Denn wenn uns die dem Gehirn zugeschriebenen Vermögen auch bestens vertraut sind, auf vertrautem Terrain sind wir deshalb nicht unbedingt. Was das Gehirn erfährt und tut, spannt einen Raum des privaten Inneren auf, der von außen nach Kriterien des Verhaltens allenfalls indirekt erschließbar ist.

Bewusstsein als privates Phänomen

Nur der Besitzer dieses mentalen Innenraums selbst hat direkten Zugang zu ihm: Introspektiv erkennt er, in welchem Zustand er beziehungsweise sein Gehirn ist. Mein Schmerz ist eben nur mir zugänglich, und ich kann nicht wissen, wie sich der Schmerz oder die Rotempfindung des anderen anfühlt. Und ebenso ist Bewusstsein offensichtlich ein privates, auf die Perspektive der ersten Person eingeschränktes Phänomen - und aus neurowissenschaftlicher Perspektive eine Eigenschaft oder ein Merkmal des Gehirns beziehungsweise bestimmter seiner neuronalen Netzwerke.

Mit solchen schnell gezogenen Folgerungen steckt man natürlich schon mitten in tiefgreifenden Missverständnissen, wie sie von Bennett und Hacker analysiert werden: Ob es nun um Bewusstsein und Selbstbewusstsein geht, um Empfindungen, die kognitiven Vermögen, Emotionen oder das Wollen. Was die beiden Autoren demonstrieren, indem sie die Konturen unserer Begriffe von psychischen Fähigkeiten umreißen, kann man wohl so formulieren: Selbst wenn begriffliche Klarheit nicht unabdingbare Voraussetzung von neurowissenschaftlicher Forschung sein mag - sie lässt sich schon erreichen. Sie würde auch die veritable Mythologie des Gehirns abräumen, die sich mittlerweile herausgebildet hat und die tatsächlichen Einsichten und Perspektiven der Neurowissenschaften überlagert. Und schließlich ersparte solche Klarheit uns die vermeintlich tiefgründigen oder "harten" Probleme, an denen sich Hirnforscher wie Philosophen versuchen, nur weil sie die Sprache gerade wieder einmal feiern lassen.

Wer immer Hirnforschung im Blick behalten will, sollte an diesem tatsächlich fundamentalen Buch von Bennett und Hacker nicht vorbeigehen, die vor zwei Jahren übrigens mit einer "History of Cognitive Neuroscience" nachlegten (F.A.Z. vom 27. Januar 2009). Der Band, dessen Übersetzung vorzüglich ist, wiegt ganze Regale an Literatur über das Gehirn auf. Über den Preis darf deshalb nicht gemurrt werden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Angst um Kakaoernte : Schokolade wird teurer

Sorgen um eine schlechte Ernte treiben den Kakaopreis an den Märkten. Zudem soll ein Preisaufschlag armen Kakao-Bauern helfen. Verbraucher müssen daher wohl mehr für die tägliche Tafel zahlen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.