https://www.faz.net/-gr3-7lsda

Max Raphael: Die Hand an der Wand : Um die Ecke malen war gar kein Problem

  • -Aktualisiert am

Bild: Diaphanes Verlag

Was haben sich unsere Vorfahren dabei gedacht, als sie auf die Wände ihrer Höhlen zeichneten? Auch der Kunstphilosoph Max Raphael kann darüber nur spekulieren, aber er tut es auf umsichtige Weise.

          4 Min.

          In einer Illustration zu seinem Buch „Der primitive Mensch“ zeigt der französische Mediziner und Pharmazeut Louis Figuier 1870 die „Geburt der Künste der Zeichnung und Skulptur im Rentier-Zeitalter“. Man sieht da drei fleißig zeichnende und modellierende Höhlenbewohner, bei denen es sich laut Bildlegende um die urzeitlichen „Vorläufer Raffaels und Michelangelos“ handelt.

          Figuier hatte hier jene suggestive Figur des „Vorläufers“ bemüht, die sein Landsmann, der französische Wissenschaftshistoriker Georges Canguilhem, ein Jahrhundert später einer scharfsinnigen Kritik unterzog. „Die Neigung, Vorläufer zu suchen, zu finden und zu feiern“, so Canguilhem, „ist das deutlichste Symptom der Unfähigkeit zur epistemologischen Kritik.“ Damit war die weitverbreitete Praxis gemeint, für die Entdeckungen der eigenen Zeit eine Begründung in der Vergangenheit zu suchen und auf diese Weise nicht nur den eigenen Standpunkt durch eine lange Vorgeschichte zu legitimieren, sondern zugleich auch den Akteuren dieser Vorgeschichte zu unterstellen, sie hätten alles schon genau so in die Wege leiten wollen, wie es später dann unweigerlich auch kommen musste.

          Was macht der Tastsinn in der Kunst?

          So hatte Figuier sein neuzeitliches Wissen über die Kunst der Renaissance in die Höhlen rückprojiziert, als hätten deren Bewohner bereits im Vorschein jener glanzvollen Kunst gelebt, von deren Existenz sie freilich noch gar nichts wissen konnten. Wie attraktiv diese Denkfigur auch heute noch ist, zeigte vor wenigen Jahren Werner Herzogs „Die Höhle der vergessenen Träume“, in dem der Filmemacher die über dreißigtausend Jahre alten Tierdarstellungen im französischen Chauvet als anthropologische Urversicherung der eigenen Darstellungskunst verstanden wissen wollte - „fast eine Art Urkino“.

          Ins Zentrum dieser Frage nach der Vorgeschichte der Kunst zielt das jetzt aus dem Nachlass publizierte Buchmanuskript „Ikonographie der quaternären Kunst“ des 1952 verstorbenen Kunsthistorikers und Philosophen Max Raphael. Raphaels Forschungen reichen von der romanischen Architektur über die Malerei Giottos bis zu Picasso, Cézanne und der Rolle des Tastsinns in der Kunst.

          Nur in einer Kultur des Totemismus zu verstehen

          Ihm schwebte eine Kunstgeschichte vor, die auch die paläolithische Malerei als selbstverständlichen Bestandteil zu integrieren vermochte, statt sie als Sondererscheinung in eine abgespaltene Ur- und Frühgeschichte abzudrängen. So gilt seine Aufmerksamkeit im vorliegenden Text den jahrtausendealten Darstellungen von Rentieren, Pferden, Bisons und Hirschkühen, wie man sie in den Höhlen von Altamira und El Castillo bis Lascaux und Les Combarelles gefunden hatte.

          Allen wissenschaftlichen Versuchen, die Kunst der Vorzeit durch ethnologische Vergleiche mit angeblich primitiven Kulturen zu erhellen, tritt Raphael mit Skepsis gegenüber. Stattdessen klassifiziert er in minutiösen Analysen die verschiedenen Haltungen der dargestellten Tiere wie Stehen, Laufen, Zurückwenden des Kopfes und legt seinen Beobachtungen die Annahme zugrunde, dass diese Malerei allein im sozialen Kontext einer totemistisch organisierten Kultur zu verstehen sei.

          Überlieferung weit vor der Schrift

          So deutet er die in Font-de-Gaume entdeckte Darstellung zweier sich berührender Rentiere als „Abschiedsszene“, in der sich eine neue „Logik der Gefühle“ artikuliere - „eine Zartheit des Lebewohls zwischen zwei ebenso abstrakten wie lebendigen Massen, zwischen zwei Tieren, die die nuancierten Intimitäten zwischen Menschen nicht mimen, nicht darstellen, sondern sind“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Corona-Lockerungen : Merkel nennt Ramelows Äußerungen „zweideutig“

          Die Kanzlerin fordert: Es müsse in grundsätzlichen Fragen Übereinstimmung geben. Kritisch äußert sie sich zu den jüngsten Äußerungen von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow. Der verkündet ein Treffen der Länderchefs.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.