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Sachbuch zum Artensterben : Die Zerstörung will nicht enden

Erntemaschinen auf einem Sojafeld in Brasilien Bild: dpa

Was ist die größte ökologische Krise der Gegenwart? Beim Evolutionsbiologen Matthias Glaubrecht tritt in „Das Ende der Evolution“ das Artensterben gegen den Klimawandel an.

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          Es gibt eine Position in der Debatte um die heutigen ökologischen Krisen, die an der Rede von einer Apokalypse ansetzt, um sie ins Lächerliche zu ziehen. Was wollt ihr Apokalyptiker denn, heißt es dann, die Zahl der Hungernden ist unter eine Milliarde gesunken, noch nie haben die Menschen so lange gelebt, nie hatten wir mehr Luxus, Fortschritt und soziale Kontakte, nie waren die Perspektiven für ein gesundes Leben noch jenseits der hundert Jahre besser als heute. Wer so argumentiert, ist für Matthias Glaubrecht in einer fatalen evolutionären Schleife gefangen, im Dopaminrausch seiner ersten und zweiten Natur.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Glaubrecht ist Evolutionsbiologe, Professor für die Biodiversität der Tiere. Die erste Natur des Menschen, hält er fest, ist seine biologische Ausstattung. Sie hat den Menschen in einer Ausbeutermentalität fixiert, mit ihr ist der Weg in die Apokalypse quasi genetisch programmiert, seit Jahrmillionen. Dank seiner zweiten, der kulturellen Natur versucht sich der Mensch seit ein paar hunderttausend Jahren und gerüstet mit zunehmenden kognitiven Kapazitäten Lösungen für das Problem auszudenken, als biologisches Mängelwesen in so gut wie jeder irdischen Umwelt zu überleben. Sie gibt ihm einen entscheidenden Kick, vernebelt ihm aber auch den Geist, weil sie dafür sorgt, dass er seine Interessen rücksichtslos weiterverfolgt – und solcherart blind wird für die Apokalypse. Erst die dritte Natur, die „Vernunftnatur“, bietet für Glaubrecht die Aussicht auf eine tatsächliche Lösung. Diese dritte Natur, der sich bei Glaubrecht auch Moral und Religiosität verdanken, ist gewissermaßen die erworbene und kumulative Natur der guten Vorsätze. Sie macht den Menschen zwar nicht unbedingt glücklicher, aber sie könnte ihm theoretisch das Überleben sichern. Wenn nicht gelten würde: Gute Vorsätze scheitern fast immer.

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