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Matthias Bormuth: Suizidales Denken : Auf das Absurde lässt sich nicht bauen

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Die Freiheit zu sterben wird schnell zum blassen Schlagwort, wie aktuelle Debatten über Sterbehilfe und assistierten Suizid vor Augen führen. Matthias Bormuth hält in wohl abgewogener Weise die Realität des Lebens dagegen.

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          Der letzte Essay, den Jean Améry schrieb, bevor er sich 1978 das Leben nahm, galt Simone Weil. Améry ließ kein gutes Haar an der verhinderten Revolutionärin und religiösen Mystikerin, die 1943 an Hunger und Lungentuberkulose verstorben war. Sie sei weder eine Heldin noch eine Heilige gewesen, sondern ein klinischer Fall, und die Diagnose über sie müsse lauten: „Freitod infolge religiöser Zwangsneurose“. Zwei Jahre zuvor hatte Améry die Pathologisierung des Suizids noch als eine Verunglimpfung menschlicher Freiheit, ja als eine Fortsetzung der nationalsozialistischen Instrumentalisierung des Lebens mit anderen Mitteln gegeißelt. Aber die Bereitschaft zum religiös motivierten Selbstopfer erschien ihm so unerträglich, dass er Simone Weil nicht einmal die Genugtuung zu gönnen bereit war, ihren eigenen Tod gestorben zu sein.

          Das Beispiel Amérys bildet einen drastischen Beleg für die Erkenntnis der neueren Medizintheorie, dass der Grenzverlauf zwischen Gesundheit und Krankheit, zumal im Bereich psychischer Auffälligkeiten, nicht mit naturwissenschaftlicher Exaktheit bestimmt werden kann, sondern auf außermedizinischen Werturteilen beruht. Ob ein bestimmtes Verhalten der Umwelt des Handelnden als so extravagant erscheint, dass sie es als pathologisch einstuft, hängt von deren jeweiligen Normalitätsstandards ab, und diese Standards verändern sich im Laufe der Zeit.

          Übergangsbereiche

          Wie der Mediziner und Kulturwissenschaftler Matthias Bormuth in seiner eindrucksvollen Studie über suizidales Denken ausführt, erfährt die grundsätzliche Wertabhängigkeit des Krankheitsbegriffs „im psychiatrischen Kontext um den Zusammenhang von Persönlichkeitsstörung und Suizidalität eine besondere Zuspitzung“. Wer sich zur Selbsttötung entschließt, befindet sich in einer seelischen Ausnahmesituation, die im „Übergangsbereich von gesundem und krankheitswertigem Erleben“ angesiedelt ist. In dem niemals vollständig aufzuhellenden Dämmerlicht dieses Zwischenreichs nehmen sich die steilen Thesen und grandiosen Schlagworte, die die Diskussion über den assistierten Suizid und die aktive Sterbehilfe beherrschen, grau, ungeschlacht und irritierend substanzlos aus. Die Frage „Bleiben oder gehen?“ taugt nicht als Selbstverwirklichungsinstrument autonomiestolzer Ich-AGs. „So berechtigt der Hinweis auf die Freiheit als ethische Maxime ist: Man muss sie kritisch lesen und nicht einer hermetischen Lesart huldigen, die sie von allen Abhängigkeiten entledigt. Die Freiheit ist immer eine relative. Deshalb ist es äußerst heikel, die Selbsttötung als exemplarischen Ausdruck der Freiheit zu stilisieren.“

          Angesichts des hohen Leidensdrucks, der auf Suizidenten zu lasten pflegt, machen Ärzte, die sich wie die Gutachter der Sterbehilfeorganisation „Dignitas“ darauf beschränken zu klären, ob der Sterbewillige dazu imstande ist, sein Leben frei zu bilanzieren, sich nach Bormuths Überzeugung die Dinge bei weitem zu einfach. Wie es um die Freiheit des Suizidenten tatsächlich stehe, ergebe sich „nur im detaillierten Blick auf die konkrete Wirklichkeit“. Es wäre fahrlässig, sich auf das subjektive Empfinden des Betroffenen, der sich entschieden hat, aus dem Leben zu gehen, prinzipiell zu verlassen: „Es mag sein, dass die Entscheidung zum Freitod in einzelnen Fällen wohl erwogen ist, in jedem Fall ist das ärztliche Angebot, sie zu überprüfen und zu fragen, ob nicht doch neue Räume der lebensweltlichen Freiheit zu öffnen sind, eine Möglichkeit, die als vorläufige Bevormundung sinnvoll sein könnte. Niemand weiß, ob jenseits der nächsten Lebenswende nicht doch ein Horizont aufscheint, der der eigenen Existenz einen lebenstragenden Sinn zu verleihen vermag.“

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