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Sachbuch „Der Abiturbetrug“ : Viel Spaß bei der Volksabstimmung

Auf Abstand: Abiturprüfung in Baden-Württemberg im Mai 2020 Bild: dpa

Sonderbar technokratisch: Mathias Brodkorb und Katja Koch plädieren in ihrer Streitschrift „Der Abiturbetrug“ für ein bundesweites Zentralabitur.

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          Die Verfasser dieses im März erschienenen Buchs zeigen sich zuversichtlich, dass ihre Streitschrift gegen den Bildungsföderalismus so schnell nicht veralten werde. Dafür sei er hierzulande viel zu beharrlich. Kaum war das Buch veröffentlicht, kam die Corona-Krise und zeigte den deutschen Bildungsföderalismus in seiner extremsten Form. Ob bei den Abiturprüfungsterminen, Hygieneregeln oder anschließenden Schulöffnungen – zu unterschiedlichen Zeiten legten die einzelnen Bundesländer verschiedene Konzepte vor.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Kultusministerkonferenz definierte nur noch Entscheidungs-„Korridore“, in den Medien kam der deutsche Flickenteppich nicht nur verbal groß heraus. Zu jedem neuen Beschluss musste auch eine neue Deutschlandkarte mit unterschiedlichen Farben für die einzelnen Bundesländer gemalt werden. Die Kultur- und Bildungsminister zeigten sich eingezwängt zwischen unterschiedlichen Sommerferienterminen, abweichenden Virologenurteilen zum Ansteckungsrisiko von Kindern und einem latenten Kanzlerkandidatenduell zwischen Markus Söder (Bayern) und Armin Laschet (NRW).

          Wirklichkeitsferne Phantasie

          Darüber wurde viel gewitzelt und gestöhnt in der Bevölkerung. Zu einem kollektiven Aufbegehren gegen diesen Föderalismus und für einen Bildungszentralismus kam es aber nicht. Mit diesem Hinweis könnte man eines der Hauptargumente der Verfasser des „Abiturbetrugs“ abtun, demzufolge ein für Gerechtigkeit stehender Schulzentralismus von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung gewollt, aber politisch aus Gründen des föderalistischen Machterhalts verhindert werde. Die nötige Grundgesetzänderung könne daher, so die Verfasser, nur mit einer Volksabstimmung herbeigeführt werden.

          Mathias Brodkorb und Katja Koch: „Der Abiturbetrug“. Vom Scheitern des deutschen Bildungsföderalismus. Eine Streitschrift.

          Allerdings hatte dieses Argument, obwohl entsprechende Umfrageergebnisse tatsächlich vorliegen und die Sache mit dem Machterhalt nicht von der Hand zu weisen ist, schon vor Corona nicht überzeugt. Denn ist die Bevölkerung nicht traditionell gegen jedes bestehende, in den meisten Fällen unterfinanzierte Schulsystem eingestellt? Diese Haltung würde an den Wahlurnen mit großer Sicherheit dahinschmelzen, vergegenwärtigte man sich nur die zu erwartenden Unsicherheiten infolge einer Systemumstellung.

          Gute Lehrer und soziale Voraussetzungen

          Davon abgesehen: Was ist das eigentlich für eine wirklichkeitsferne Phantasie, welcher die beiden Verfasser – der frühere Bildungsminister Mecklenburg-Vorpommerns Mathias Brodkorb und die Professorin für Sonderpädagogik, Katja Koch – in ihrem Buch nachgehen? Nicht nur ein Zentralabitur wollen sie einführen, sondern gleich auch das Niveau der Abschlussprüfung heben, wobei sie offen erklären, anschließend nur noch mit einer Abiturientenquote von zwanzig Prozent in einem Jahrgang zu rechnen. Da kann man nur im zuweilen spöttischen Ton des Buchs sagen: „Viel Spaß bei der Volksabstimmung!“

          Sonderbar technokratisch gestimmt, gehen Brodkorb und Koch davon aus, dass Gerechtigkeit und Niveauanhebung beim Abitur vor allem durch Zentralismus herbeigeführt werden könnten. Werden gute Schülerleistungen aber nicht vor allem durch gute Lehrer und entsprechende soziale Voraussetzungen hervorgerufen? Gute Lehrer sprießen aber nicht mit einer bundespolitischen Verfügung verbindlicher Lerninhalte aus dem Boden. Und wie öde wäre ein Deutschunterricht, in dem bundesweit die gleichförmige Vermittlung gleicher Inhalte auf dem Lehrplan stünde?

          Die Notwendigkeit zusätzlicher Standards

          Und aus der durch den Bildungsföderalismus vermeintlich verhinderten Gerechtigkeit bei der Zulassung zum Studium folgt nicht zwingend das Zentralabitur. Selbst wenn für vergleichbare Abiturnoten in Deutschland der Zug längst abgefahren sein mag, ist es fraglich, ob es überhaupt sinnvoll wäre, die Ankunft eines solchen jemals zu erwarten. Aufnahmetests der Hochschulen oder ein flexiblerer Umgang mit dem Numerus clausus kämen pragmatischer zum gleichen Ziel.

          In einem Punkt aber haben Brodkorb und Koch, die Phänomene wie die Digitalisierung und den (Fach-)Lehrermangel kaum beachten, sicher recht: Die Schulpolitik sollte nicht fahrlässig mit Begriffen wie „Bildungsstandards“ und „Zentralabitur“ um sich werfen, wenn sie diese wegen der verbreiteten Kompetenzorientierung und einem eingefleischten Föderalismus gerade nicht anstrebt.

          Kehren wir noch einmal zurück zur Corona-Krise und dem Bildungsföderalismus, so muss man sagen, dass Erstere Letzteren zwar nicht ad absurdum geführt, aber doch die Notwendigkeit zusätzlicher bundesweiter Standards gezeigt hat. Verbindliche Lerninhalte, gemeinsame Konzepte und Austauschplattformen, deren Ausgestaltung allein aus Kostengründen wohl nur bundesweit vorstellbar sind, wurden stark vermisst, die Ungleichheit wurde durch den, seiner vertrauten Räume beraubten, Bildungsföderalismus vermehrt. Und natürlich gab es, wie im „Abiturbetrug“ genüsslich aufgespießt, auch im Corona-Jahrgang wieder Anhebungen von Mathe-Noten nach den schriftlichen Prüfungen.

          So gewinnt das Buch von Mathias Brodkorb und Katja Koch eher durch die Ausnahmesituation der Corona-Krise an Relevanz als durch seine zuweilen sophistische Argumentation für ein Zentralabitur, welche den Balken im eigenen Auge übersieht. Die Verwirklichung der Ideen würde gewiss noch mehr Widersprüche und Angriffsflächen erzeugen als die bestehende föderalistische Ungleichheit. Über mehr Zentralismus im deutschen Bildungssystem darf weiter gestritten werden.

          Mathias Brodkorb und Katja Koch: „Der Abiturbetrug“. Vom Scheitern des deutschen Bildungsföderalismus. Eine Streitschrift. Zu Klampen Verlag, Springe 2020. 152 S., geb., 16,– €. 

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