https://www.faz.net/-gr3-adxj3

Buch über Pompeji : Die tote Stadt wird lebendig

Mein lieber Schwan: Zeus (gefiedert, links) verführt die Königstochter Leda, hier auf einem 2018 freigelegten Fresko im Archäologiepark von Pompeji. Bild: EPA-EFE/Cesare Abbate

Ein geschärfter Blick für Funde des Alltags: Massimo Osanna entwirft ein neues Bild von Pompeji, in dem auch Graffiti und Fast Food Platz finden.

          4 Min.

          Als das Buch Ende 2019 in Italien erschien, stand in der Buchhandlung Feltrinelli an der Via Chiaia in Neapel jeden Morgen ein Stapel neben der Kasse, der am Abend abgetragen war. Der Titel „Pompei. Il tempo ritrovato“ (Pompeji. Die wiedergefundene Zeit), mit dem Massimo Osanna, seit 2014 Direktor des Archäologischen Parks, Bilanz zieht, spricht ein öffentliches Thema an: Die antike Ruinenstadt am Vesuv ist ein Nationaldenkmal, Sinnbild für den kulturellen Reichtum des Landes und seine Verwundbarkeit.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Resonanz ist bereits Ausdruck jener neuen Haltung gegenüber Pompeji, für die Osanna steht. Angetreten, die Krise, die 2010 im Einsturz der Gladiatorenschule kulminierte, zu überwinden, hat er Forschung und Restaurierung, Sicherheit und Zugänglichkeit konsolidiert. Vor allem aber hat er eine neue Verbundenheit mit Pompeji begründet, indem er die Aufmerksamkeit für Funde des Alltags schärfte: für Streetfood und Schmuck, für Gärten, die in Häuser eindringen, für Wohnformen und Stadträume, die als Spuren der „vormodernen“ Kultur in vielen Gegenden Italiens bis vor wenigen Jahrzehnten das Zusammensein bestimmt haben. In der Erinnerung sind sie präsent: „Die tote Stadt wird plötzlich äußerst lebendig und gegenwärtig.“

          Eine ethnisch vielfältige Gemeinschaft

          Die „Nähe der Vergangenheit“ rufen auch Zeichnungen, Skizzen und Sätze wach, von denen so viele in öffentliche und private Wände geritzt wurden, dass ein Witzbold hinzufügte: „Ich wundere mich, dass du‚ Wand, noch nicht zusammengebrochen bist, wo du doch so viele Dummheiten vonseiten der Schreiber erträgst.“ Den Graffiti – „ohne Ruhm“, aber nicht „ohne Geschichte“ – widmet Osanna ein Kapitel, in dem er Liebeserklärungen, Beleidigungen, Kommentare, sexuelle Anspielungen, obszöne Sprüche, Wahlaufrufe und Literaturzitate (siebzehnmal findet sich der erste Vers der „Aeneis“) sowie ausführlich jene 2018 gefundene Kohleschrift in der Casa del Giordano diskutiert, die in der umstrittenen Frage, ob der Ausbruch des Vesuvs am 24. August oder am 24. Oktober 79 n. Chr. geschah, das spätere Datum stützt. Verbindungen in die Gegenwart ziehen auch Tabernen, Brunnen und Thermopolien, Läden, in denen Lebensmittel und Fast Food ausgegeben wurden: Rückstände und Abfälle lassen auf Ernährung und Essgewohnheiten schließen – Fundkontexte, die lange vernachlässigt wurden und ein Erscheinungsbild der Stadt vermitteln, das der klassischen Idealisierung widerspricht.

          Der Vesuv wird von den Ruinen der archäologischen Ausgrabungsstätte von Pompeji gerahmt. Bilderstrecke
          Sinnbild kulturellen Reichtums : Bilder aus Pompeji

          „Pompeji wurde gegen Ende des siebten Jahrhunderts v. Chr. gegründet.“ Im ersten Kapitel umreißt Osanna die Geschichte der Stadt und zeichnet an den Heiligtümern des Apollo und der Minerva, den Transformationen und Votivgaben ihr wechselvolles Schicksal nach: Wahrscheinlich etruskischen Ursprungs, entwickelte sich Pompeji vom vierten bis zweiten Jahrhundert v. Chr. durch die Zuwanderung von Samniten zu einer ethnisch vielfältigen Gemeinschaft und einem Ort hybrider Kulturen, der 80 v. Chr. römische Kolonie und 62 n. Chr., siebzehn Jahre vor der Katastrophe, von einem Erdbeben erschüttert wurde.

          Weitere Themen

          Ein neuer Van Gogh

          Entdeckung in Amsterdam : Ein neuer Van Gogh

          Das Van Gogh Museum in Amsterdam spricht von einer „spektakulären“ Entdeckung. Es nimmt eine wiedergefundene Zeichnung des Ausnahmekünstlers in seine Ausstellung auf.

          Topmeldungen

          Nach Festnahme in Hagen : Ohne NSA und Co. kaum Hinweise auf Anschläge

          Deutsche Sicherheitsexperten loben ausländische Geheimdienste. Nach der Festnahme in Hagen werden islamistische Gefährder zum Wahlkampfthema. Unionskandidat Laschet pocht auf Abschiebungen und Verbote, Grünen-Kandidatin Baerbock betont die Notwendigkeit von Überwachung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.