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Masha Gessen: Der Beweis des Jahrhunderts : Das Genie lebt im Hotel Mama

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp

Er ist möglicherweise der brillanteste Kopf der Welt und lebt äußerst zurückgezogen bei der eigenen Mutter: Masha Gessen widmet dem exzentrischen russischen Mathematiker Grigorij Perelman eine Biographie.

          Die Poincarésche Vermutung war eines der schwierigsten mathematischen Probleme des zwanzigsten Jahrhunderts, an dem sich Mathematiker aus aller Welt fast hundert Jahre lang die Zähne ausbissen. Erst im Jahre 2002 gelang es einem sechsunddreißigjährigen Russen, sie zu beweisen. Worüber wohl kaum eine Nachricht in die Tageszeitungen und Nachrichtensendungen gelangt wäre, hätte sich das russische Genie nicht recht exzentrisch verhalten.

          Grigorij Perelman schlug jede Ehrung aus. Als man ihm die Fields-Medaille und damit ein Preisgeld von einer Million Dollar verleihen wollte, lehnte er ab. 2005 gab er sogar seine Arbeit in einem Sankt Petersburger Forschungsinstitut auf, weil er, wie er sagte, von der Mathematik enttäuscht sei und nun etwas anderes ausprobieren wolle. Seitdem wohnt er bei seiner Mutter am Stadtrand von Sankt Petersburg.

          Eines von sieben Jahrtausendproblemen

          Doch nicht Grigorij Perelman steht am Anfang der Geschichte, sondern der französische Mathematiker Henri Poincaré. Er vermutete 1904, dass jede einfach zusammenhängende, kompakte, unberandete, dreidimensionale Mannigfaltigkeit homöomorph zur 3-Sphäre ist. Bei dieser, für mathematische Laien völlig unverständlichen Vermutung aus der Topologie handelt es sich um Eigenschaften gekrümmter dreidimensionaler Flächen im vierdimensionalen Raum.

          Vereinfacht und eine Dimension niedriger gesehen, geht es um Oberflächen von Körpern, auf denen Gummiringe liegen. Auf einer Kugeloberfläche lässt sich der Ring zu einem Punkt zusammenziehen, nicht jedoch auf der Oberfläche einer Kaffeetasse, wenn der Gummiring den Henkel umschlingt. Das Problem erwies sich als schwieriger als gedacht, und im Jahr 2000 lobte das Clay Mathematics Institute in Cambridge in Massachusetts für die Lösung von sieben Jahrtausendproblemen jeweils eine Million Dollar aus. Das fünfte dieser Jahrtausendprobleme war die Poincarésche Vermutung.

          Dreijährige Prüfung von Perelmans Beweisführung

          Perelman wird 1966 in Leningrad als Kind jüdischer Eltern geboren. Seine Mutter ist Mathematiklehrerin. Schon in jungen Jahren wird er in Mathematikclubs zum Hochleistungssportler gedrillt. 1982 gewinnt er eine Goldmedaille bei der Internationalen Mathematikolympiade, wird ohne Aufnahmeprüfung zum Studium zugelassen und ist deshalb vom offiziell nicht existierenden, aber stets vorhandenen Antisemitismus in der Sowjetunion nicht betroffen. Nach dem Studium arbeitet er am Steklow-Institut für Mathematik in Leningrad, zwischen 1992 und 1995 an verschiedenen Universitäten in den Vereinigten Staaten. Trotz Angeboten aus Princeton und Stanford kehrt er 1995 ans Steklow-Institut zurück, wo er zurückgezogen die nächsten sieben Jahre am Beweis der Poincaréschen Vermutung arbeitet.

          Das übliche Verfahren, seine Arbeit bei einer Fachzeitschrift einzureichen, wo sie vor Veröffentlichung von Fachleuten geprüft wird, umgeht Perelman: Er stellt seinen Beweis 2002 und 2003 in drei Teilen auf die Website arXiv.org, die wissenschaftliche Vorabdrucke veröffentlicht. Anschließend informiert er die Fachwelt per E-Mail. Seine Veröffentlichung ist nur 66 Seiten lang und extrem knapp formuliert. Weil er es ablehnt, seine Argumentation ausführlich darzustellen und in einem Fachblatt zu publizieren, übernehmen das andere Mathematiker für ihn. 700 Seiten umfassen ihre Publikationen darüber, und schließlich kommen sie 2006 zum Schluss: Perelmans Beweis ist wasserdicht.

          Masha Gessen geht es nicht um die Mathematik selbst, sondern um die Menschen hinter der Mathematik. Sie ist nur ein Jahr älter als Perelman und hat wie er russisch-jüdische Wurzeln. Sie zeichnet die Lebensgeschichte Grigorij Perelmans nach, ohne ihn jemals gesprochen zu haben. Ihre Informationen über ihn stammen ausschließlich aus Gesprächen mit seinen Lehrern, Kollegen und Wegbegleitern. Perelman scheut die Öffentlichkeit. Darum kann man sich die Frage stellen, ob es redlich war, ihn gegen seinen erklärten Willen zum Gegenstand eines biographischen Versuchs zu machen. Im vorletzten Kapitel ihres Buches versteigt sich Masha Gessen sogar zu einer Ferndiagnose. Sie vermutet, dass Perelman unter dem Asperger-Syndrom leidet, einer autistischen Störung. Das hätte nicht sein müssen.

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