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Lesen und Digitalisierung : Ein Schaltkreis fürs Buch, einer für den Bildschirm

Muße, nicht Arbeit, ist das Ziel des Menschen: Selige Lesestunden, festgehalten von Martin Parr in Cambridge anno 2008. Bild: Martin Parr / Magnum Photos / Agentur Focus

Maryanne Wolf erläutert in ihrem neuen Buch „Schnelles Lesen, langsames Lesen“, was passiert, wenn das Lesen am Bildschirm zum Regelfall wird. Und wie wir das vertiefte Lesen ins digitale Zeitalter herüberretten könnten.

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          Was Literaturliebhabern die vielen Schriftsteller sind, die in ihren Werken die Magie der Buchlektüre beschwören, ist den Sachbuchlesern Maryanne Wolf. Als Kognitions- wie Literaturwissenschaftlerin ausgewiesen, als Lehrerin nah an der Begleitung des Lesenlernens, als Professorin eine Koryphäe der Leseforschung, dazu eine packende Erzählerin, hat die Amerikanerin vor zehn Jahren in ihrem Buch „Das lesende Gehirn“ die Abläufe in unserem Kopf bei dieser ebenso komplexen wie grundlegenden Kulturtechnik geschildert. Um dann feststellen zu müssen, dass sich über der Arbeit an ihrem Buch ein wesentlicher Aspekt ihres Untersuchungsgegenstands zu verändern begonnen hat: das Lesemedium.

          Im privaten Gebrauch, in der Ausrichtung von Bibliotheken und Verlagen, in der Bildungspolitik und Lehrmittelplanung gewinnen Smartphones, Tablets und E-Reader gegenüber dem gedruckten Buch an Bedeutung. Und das ist noch nicht alles. Dem Buchmarkt gehen die Käufer, den Büchern die Leser und den Lesern die Fähigkeiten verloren, sich in ein Buch – in welcher Darreichungsform auch immer – zu vertiefen: Nicht nur auf den ersten Blick wirkt dieses Triptychon aus Markt-, Mediennutzungs- und Leseforschung bestürzend.

          Maryanne Wolf lässt in ihrem Buch „Schnelles Lesen, langsames Lesen“ auf die anschauliche Darstellung des zirkusreifen neuronalen Zusammenspiels in unserem Gehirn beim Lesen die umfangreiche Schilderung folgen, was vor allem das vertiefte Lesen ausmacht, welche Bedeutung die Fähigkeit hat, das Gelesene auf diese Weise mit dem in Zusammenhang zu bringen, was wir bereits zu wissen glauben, aber auch uns emotional zu dem in Beziehung zu setzen, was wir gelesen haben. Bei etwa der Hälfte des Buchs, wenn sich auch der letzte Leser angesichts der Wolfschen Beschwörungen bei der unbehaglichen Frage ertappt, wie sich die eigene Lesefähigkeit wohl in den letzten Jahren mit Smartphone entwickelt haben mag, überrascht die Autorin mit einem Geständnis.

          Keine Frage der Bequemlichkeit

          Um sich selbst zu beweisen, dass ihr lediglich weniger Zeit als früher zum Lesen bleibt, ihr Vermögen dabei aber keineswegs gelitten hat, knöpft sich Maryanne Wolf eines der Bücher vor, die „in meinen jungen Jahren ungeheuren Einfluss auf mich gehabt“ haben. „Das Experiment war ein Desaster“, muss die große Verfechterin des Lesens kleinlaut zugeben: Sie liest zu schnell, zu oberflächlich, zu ungeduldig, ohne sich zügeln zu können. Das Lesen stresst sie. „Ich hasste das Buch.“ Sie verordnet sich kleinste Leseeinheiten von zwanzig Minuten. Zwei Wochen dauert ihr beschwerlicher Heimweg „zu meinem einstigen lesenden Ich“, dann ist es wieder da, dieses „Verlangsamen, dann ein Sichverlieren in der anderen Welt des Buches und drittens schließlich das Entrücken aus meiner eigenen“.

          Maryanne Wolf: „Schnelles Lesen, langsames Lesen“. Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen. Penguin Verlag, München 2019. 304 S., geb., 22,– Euro.

          Was für eine Erleichterung für alle, die selbst zuletzt mit ihrem Lesen haderten: Sie sind nicht allein mit dem Gefühl, dass ihnen etwas abhandengekommen ist, das früher selbstverständlich war. Sie sind nicht die einzigen, die mit Missmut auf diese eigene Schwerfälligkeit reagieren. Und es ist keine Frage der Bequemlichkeit, sondern hat seinen Grund in der von Maryanne Wolf sorgfältig erläuterten Plastizität unseres Gehirns, das sich auf Anforderungen eben einstellen kann – und auch darauf, wenn bestimmte Anforderungen nicht mehr bestehen.

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