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Römische Herrscher : Im Angesicht der Imperatoren

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Ein Imperator (hinten links) im Zeitgeschmack für Inszenierungen römischer Dekadenz: Lawrence Alma-Tademas „Die Rosen des Heliogabalus“ von 1888 Bild: picture alliance / CPA Media Co. Ltd

Ein Bild sagt eben doch mehr als tausend Worte: Die Historikerin Mary Beard verfolgt mit detektivischem Spürsinn die lange Geschichte der Porträts römischer Herrscher.

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          Eines der seit der Renaissance beliebten Sammelgebiete waren Bildnisse der Kaiser des antiken Rom. Angeregt durch Sueton, der die zwölf Herrscher von Caesar bis Domi­tian in einem kanonischen Biographienwerk vorführt, traten diese Bildnisse in Serie auf, waren doch in repräsentativen Räumen lange Wände zu füllen und viele Nischen zu bestücken. Mary Beard beginnt ihr Buch über die Wirkungsgeschichte römischer Herrscherbildnisse, hervorgegangen aus ihren A. W. Mellon Lectures in the Fine Arts, in der Antike, als Darstellungen zumal des jeweils herrschenden Kaisers allgegenwärtig waren – allein von Augustus habe es schätzungsweise fünfundzwanzig- bis fünfzigtausend Porträts gegeben, von denen etwa zweihundert auf uns kamen.

          Das Hauptgewicht von Beards reich illustriertem Buch liegt jedoch auf Artefakten der Neuzeit. Auch wenn die Imperatoren im Bildgedächtnis unserer Zeit nicht mehr so präsent sind wie einst, haben sie in der visuellen Sprache des Porträts in Europa und Nordamerika doch tiefe Spuren hinterlassen und waren über lange Strecken das Medium der Wahl, um die Monarchie und politische Macht zu reflektieren. Adligen und Herrschern dienten die Kaiser nicht nur dazu, Reichtum und Geschmack zu zeigen, sie waren auch Elemente einer tatsächlichen Selbstformierung, als Vorbilder wie als abschreckende Beispiele.

          Seltsame Fehlinterpretationen und verblüffende Wendungen

          Beard arbeitet heraus, wie die Profilporträts auf römischen Münzen in der Renaissance als „cultural currency“ die Vorstellungen vom Aussehen der Kaiser mehr als alle anderen Medien prägten und sie auch den Gedanken der Reihe beförderten, weit stärker als die später so maßgeblichen Marmorköpfe, die oft falsch identifiziert wurden und sich selbst in großen Sammlungen fast nie zu einer vollständigen Serie zusammenfanden – erst Gipsabgüsse machten das möglich. Mit erkennbarer Lust und intimer Kennerschaft erzählt die weltweit prominenteste und produktivste lebende Altertumswissenschaftlerin verwickelte Geschichten von Entdeckungen, Deutungen und Fehldeutungen, Hoffnungen und Enttäuschungen, Kontroversen und Besitzerwechseln. Nichts ist sicher, nichts hat Bestand. Das Konzept des Authentischen ist angesichts der vielfältigen Prozesse von der antiken Umarbeitung über die moderne Reparatur und Ergänzung bis hin zur Neuschöpfung oder Fälschung – was nicht dasselbe ist – ohnehin nur schwer aufrechtzuerhalten.

          Mary Beard: „Twelve Caesars“. Images of Power from the Ancient World to the Modern.
          Mary Beard: „Twelve Caesars“. Images of Power from the Ancient World to the Modern. : Bild: Princeton University Press

          Als Einstieg dient Beard ein amerikanischer Marineoffizier, der einen reich verzierten Marmorsarkophag aus dem Gebiet des heutigen Libanon in die Vereinigten Staaten mitbrachte. Aus bestimmten Gründen hielt er ihn – sicher fälschlich – für die letzte Ruhestätte des kurzzeitigen Kaisers Alexander Severus und bot ihn dem ehemaligen Präsidenten Andrew Jackson für den nämlichen Zweck an. Dieser lehnte mit brüsker republikanischer Rhetorik ab, wohl gerade, weil er in seiner politisch aktiven Zeit für seine Form von autoritärem Populismus gelegentlich als „Caesar“ apostrophiert worden war.

          Aus Kennerschaft wird Wissenschaft

          Mit detektivischer Detailverliebtheit bespricht die Autorin prominente Serien, etwa die Aldobrandini Tazze aus dem späten sechzehnten Jahrhundert, zwölf gesockelte Silberschalen mit dem suetonischen Kanon in Form von Figurinen. Sie und andere Gruppen regten auch an, jenen Kanon zu modifizieren und zu modernisieren – Beard spricht etwas modisch von einer „porosity of the category of emperor“, eines ihrer Lieblingswörter ist „fluidity“. Auch die sich ändernden Zuschreibungen und Zuordnungen versahen jede Gewissheit mit einem ungewissen Ablaufdatum. Die Geschichte der elf Kaisergemälde Tizians und ihrer auf zwölf vervollständigten Kopien, durch die allein wir Kenntnis von den verlorenen Originalen haben, sei geprägt gewesen von zahlreichen seltsamen Fehlinterpretationen, verblüffenden Wendungen, stolzen Besitzern, ränkevollen Vermittlern und gefährlichen Transporten.

          Doch das Buch erzählt nicht nur spannende Geschichte. Durch ihre intime Quellenkenntnis kann Beard die Motive einer Serie von zehn einst für Heinrich den Achten angefertigten flämischen Wandteppichen mit Szenen aus dem Leben Caesars auf das Epos „Pharsalia“ zurückführen, in dem der frühkaiserzeitliche Dichter Lucan ein durchaus monarchie- und kriegskritisches Bild der Kämpfe um die Alleinherrschaft zeichnet.

          Eher implizit wird bei Beard auch deutlich, wie ein wachsendes Authentizitätsbedürfnis und der Wunsch, das Besessene korrekt zuzuordnen, nachhaltig dazu beitrugen, Kennerschaft zur Wissenschaft weiterzuentwickeln. Indem sie die Altertümer in großen Thesauri zusammenstellten, verglichen und mit den antiken Texten abgleichend zu identifizieren suchten, leisteten die Antiquare seit der Renaissance Bedeutendes. Die Autorin formuliert die Kontinuität aus ihrer ironisch-kritischen Grundhaltung heraus eher negativ: Kunstarchäologen hätten heutzutage prinzipiell kein anderes Instrumentarium zur Verfügung als die damals Altvorderen, wie sie etwa an den Debatten um die Identifizierung des vor Jahren in der Rhone gefundenen und sogleich als Caesar identifizierten Kopfes oder an dem bekannten „grünen Caesar“ in Berlin aufweist, der als Porträt des Diktators, als Bildnis eines Parteigängers oder als neuzeitliches Fabrikat angesprochen wurde. Bei den Angehörigen der julisch-claudischen Dynastie habe die Forschung gar zeitweise das perverse Interesse gepflegt, Köpfe zu unterscheiden, die einst auf Ununterscheidbarkeit angelegt gewesen seien, so eine der nicht wenigen Sottisen, von denen dieses lesenswerte Buch erzählt.

          Mary Beard: „Twelve Caesars“. Images of Power from the Ancient World to the Modern. Princeton University Press, Princeton 2021. 392 S., Abb., geb., 31 Euro.

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