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Geschichte des Musikerberufs : Wie die Kunst zur Arbeit wurde

Kämpft heute für die Musikwirtschaft als systemrelevanten Arbeitgeber: der Trompeter Till Brönner. Bild: dpa

Sind Musiker Gewerbetreibende? Haben sie Anspruch auf Sozialversicherung? Wie viel Nationalsozialismus steckt in der deutschen Orchesterlandschaft? Ein brillantes Buch von Martin Rempe geht der Geschichte des Musikerberufs nach.

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          Der deutsche Musikliebhaber, auch in der Gegenwart, verhält sich, wo es um den Zustand von Oper und Konzert geht, noch immer so weltflüchtig wie Hermann Hesses zu alt gewordener Literat, der „aufs neunzehnte Jahrhundert wie auf ein Paradies“ zurückblickt. Der Historiker Martin Rempe setzt mit seiner brillanten, oft kurzweilig zu lesenden Studie über „Kunst, Spiel, Arbeit. Musikerleben in Deutschland, 1850 bis 1960“ zum Frontalangriff an auf diese Chimäre eines „Früher war alles besser“.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Dem verklärenden Blick, den Thomas Nipperdey in seiner „Deutschen Geschichte“ noch 1990 auf das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts warf, begegnet er mit der nüchternen Analyse von Werner Sombart aus dem Jahr 1911. Das Schwergewicht des Musiklebens zur vermeintlich goldenen Zeit von Johannes Brahms und Richard Strauss lag mitnichten in einer dem Markt entzogenen Sphäre von Haus- und Vereinsmusik. Vielmehr war es schon damals völlig durchkommerzialisiert: Komposition, Arrangement, Vertrieb und Reproduktion trugen die Züge einer Industrie. Die Veranstalter, so Sombart, arbeiteten „mit dem ganzen Hochdruck kapitalistischen Profitstrebens“, um an musikalischen Leistungen das Maximum herauszubringen.

          Seltsamerweise hat sich das antikapitalistische Idyll einer Musik, für welche die Marktbedingungen ohne Belang seien, als unglaublich haltbar erwiesen. Für eine Sozialgeschichte von Musik als Arbeit habe sich die Musikwissenschaft, zentriert auf Werkanalyse, Gattungs- und Ideengeschichte, wenig interessiert, konstatiert Rempe. Diese Sozialgeschichte sei, wenn überhaupt, von Kameralisten und Ökonomen geschrieben worden. Sein eigenes Buch ist nun der große, materialreiche Versuch, auf diesem Feld systematisch und zugleich historisierend zu arbeiten.

          Die Leitbegriffe der Untersuchung stehen im Titel: Kunst, Spiel und Arbeit. Mag Kunst wie das Spiel zweckfreier Zeitvertreib sein, so wird ihr ein Ernst zugesprochen, dem man dem Spiel nicht zugesteht. Arbeit ist von beiden geschieden als zielstrebige Anstrengung, die ihren Zweck außerhalb ihrer selbst hat. Rempe beschreibt in seinem Buch den langen Weg der Anerkennung von Musik als Arbeit, deren Wertermittlung dem Markt, aber auch politischer Regulierung unterliegt. Zuallererst mussten Musiker selbst definieren, ob sie Künstler oder Arbeiter sein wollten. Noch für das Kaiserreich schildert Rempe die Debatte, ob Orchestermusiker Gewerbetreibende seien oder nicht. Die Gewerbeordnung hätte sie vor Nacht- und Feiertagsarbeit geschützt, ihnen Ruhezeiten, Rechtsschutz, Sozial- und Krankenversicherung verschafft, sie aber auch mit Maurern und dem Industrieproletariat gleichgesetzt. Die Rechtsfigur des „höheren Interesses der Kunst“ gestattete es hingegen Veranstaltern, die Einhaltung von Ruhezeiten und die Sozialversicherungspflicht zu umgehen.

          Neben diesem kulturgeschichtlichen Prozess stehen mehrere strukturgeschichtliche, vor allem jener der organisierten Interessenvertretung. Es dauerte lange, bis die Musiker in Deutschland sich zu einem Berufsstand zusammenfanden. Komponisten arbeiteten gegen die Orchestermusiker, Orchestermusiker gegen Militärmusiker, alle zusammen gegen die Lehrer. Obwohl es den Orchestermusikern schon bei ersten Vereinsgründungen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts darum gegangen war, Kranken-, Renten- und Sterbegeldversicherungen zu organisieren, dauerte es bis 1927, dass Musiker erstmals Zugang zur Arbeitslosenversicherung bekamen; erst 1928 wurden sie als Berechtigte der Unfallversicherung anerkannt.

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