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Martin Heidegger: Briefwechsel mit seinen Eltern und Briefe an seine Schwester : Wo ich selbst Gott gegenüberstehe

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag Karl Alber

Martin Heideggers Briefe an seine Eltern und an seine Schwester offenbaren, wie stark der Philosoph im katholischen Milieu seiner Familie verwurzelt war.

          Seine Mutter Johanna Heidegger starb am 3. Mai 1927 in Meßkirch. Am 30. April schreibt ihr der siebenunddreißigjährige Heidegger aus Marburg: „und täglich wünsche und bete ich für Dich, dass diese schweren Tage für Dich nicht allzu hart werden. ,Bleib brav, dieses Leben ist so bald vorbei‘ - hast Du mir beim Abschied gesagt. Mutterworte bleiben unvergessen. ,Und es war doch ein schönes Leben, Mutter‘ - erwiderte ich Dir.“

          Die einfachen Worte der Mutter angesichts der Endlichkeit des Lebens haben den Sohn ein Leben lang umgetrieben. Sie sind Ausdruck eines katholischen Volksglaubens, von dem sich der Philosoph gedanklich befreite, aber der ihn emotional wohl nie ganz losließ. Die jetzt veröffentlichten Briefe Martin Heideggers an seine Eltern und Geschwister zeigen einen Sohn, der seinen Abstand zur Meßkircher Heimat im Gestus inniger, stets besorgter Zuwendung zu überbrücken sucht - Heidegger, der Familienmensch, der aus Freiburg oder Marburg seine Sehnsucht nach der oberschwäbischen Landschaft, nach dem „Daheim“ in Briefen beschwört und dem Vater Friedrich Heidegger (1851 bis 1924), von Beruf Mesner und Küfermeister, für die schöne Kinderzeit dankt.

          Um Objektivierung bemüht

          Die Herausgeber des Bandes, Alfred Denker und Holger Zaborowski, haben sich vorgenommen, im Verlag Karl Alber, Freiburg, und nicht im Frankfurter Verlag Vittorio Klostermann, der die auf 102 Bände angelegte und noch lange nicht abgeschlossene Martin-Heidegger-Gesamtausgabe herausbringt, Briefwechsel des Philosophen unter drei Abteilungen zu veröffentlichen: private Korrespondenz, wissenschaftliche Korrespondenz und Korrespondenz mit Verlagen und Institutionen.

          Beide haben sich seit längerer Zeit, etwa für die bislang sieben erschienenen Heidegger-Jahrbücher, große Verdienste erworben: Das durch verherrlichende oder denunzierende Stellungnahmen verschleierte Bild Heideggers ist durch ihre dokumentarischen Arbeiten wie Interpretationen erheblich objektiviert worden. Dessen Beteiligung am Nationalsozialismus, sein philosophisches und politisches Fiasko, zum Beispiel, wurde durch die Studie von Holger Zaborowski „Eine Frage von Irre und Schuld?“ so umfassend ausgeleuchtet, dass Erregungsdebatten über den Denker wie noch Ende der achtziger Jahre heute kaum länger denkbar sind. Der jetzt vorliegende Briefband überzeugt durch seine solide editorische Präsentation.

          Dokumentation des Aufstiegs

          Der Briefwechsel mit den Eltern - zwei Postkarten und neunundsechzig Briefe - fällt in die Jahre 1907 bis 1927, der mit seiner Schwester umfasst die Jahre 1921 bis 1955. Das erste Dokument des Bandes enthält ein Gedicht „Kinderfreuden“, das Heidegger seinen Eltern 1907 zu Weihnachten widmet. Der damals Achtzehnjährige beschwört in Märchenbildern seine Kindheit, ohne jedoch besonderen stilistischen Ehrgeiz zu offenbaren.

          Die Briefe umspannen den Zeitraum, in dem Martin Heidegger seinen Aufstieg zum vielbewunderten Ausnahme-Philosophen erlebt: Er hält die ersten Vorlesungen in Freiburg, wird 1919 Privatassistent Edmund Husserls, dessen phänomenologische Philosophie ihn anregt, ohne ihn von seinem eigenen „Denkweg“ abzubringen. 1920 lernt er Karl Jaspers kennen und befreundet sich mit ihm. Als ordentlicher Professor wird er 1923 nach Marburg berufen. Und im Frühjahr 1927 erscheint dann endlich das unter großen Mühen fertiggestellte „Sein und Zeit“, ein philosophisches Jahrhundertbuch.

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