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Martin Heidegger: Briefwechsel mit seinen Eltern und Briefe an seine Schwester : Wo ich selbst Gott gegenüberstehe

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Heidegger in Japan?

Neben dieser eindrucksvollen akademischen Karriere bestimmen private, zuweilen stürmische Ereignisse sein Leben: Er leistet Militärdienst, muss aber wegen eines Herzklappenfehlers nicht an die Front. 1917 heiratet er Elfriede Petri zunächst katholisch in Freiburg, zwei Tage später evangelisch in Wiesbaden bei den Schwiegereltern. Das Ende des Ersten Weltkrieges erlebt er 1918 in der Großstadt Berlin, deren hektisches Leben ihn abstößt. Sein Sohn Jörg kommt 1919 auf die Welt. Ein Jahr danach folgt Hermann, dessen leiblicher Vater ein Freund Elfriedes aus der Jugendzeit war.

Darüber wurde lange geschwiegen, bis zum Jahr 2005, als Martin Heideggers Briefe an seine Frau unter dem Titel „Mein liebes Seelchen“ erschienen. 1918 beginnt seine Beziehung zu Elisabeth Blochmann, Ende 1923 verliebt er sich in die achtzehnjährige Studentin Hannah Arendt. Und 1924 offenbart er den Eltern plötzlich: „dass ich nicht nach Japan gehe, trotzdem das finanzielle Angebot ungewöhnlich günstig ist“. Man brauche „geistige Führer bei uns notwendiger als anderswo“, fügt er hinzu. Heidegger in Japan? Nicht auszudenken, wie die Geistesgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts dann verlaufen wäre.

Abkehr vom Katholizismus

Diesen biographischen Hintergrund sollte der Leser im Gedächtnis behalten. Denn der aufstrebende Jungphilosoph kann seinen Eltern über sein Leben und wie er es führt, keine genaueren Einblicke gewähren. Die Verständnisbarrieren erscheinen ihm zu groß. Seine energische Frau Elfriede, jugendbewegt, völkisch gesinnt und kleinbürgerlichen Konventionen abgeneigt, krempelt das Leben des hochbegabten Büchermenschen aus der katholischen Provinz gründlich um. Den Eltern bereitet das junge Ehepaar großen Kummer, weil die evangelische Elfriede, wie ursprünglich angekündigt, nicht konvertiert, ihren ersten Sohn Jörg protestantisch erziehen will und Martin in seinem Abschied von der katholischen Kirche noch bestärkt.

Heidegger schreibt an den ihm befreundeten Theologen Engelbert Krebs: „Erkenntnistheoretische Einsichten, übergreifend auf die Theorie des geschichtlichen Erkennens, haben mir das System des Katholizismus problematisch und unannehmbar gemacht - nicht aber das Christentum und die Metaphysik.“ Wie aber erklärt er diese Umkehr seinen Eltern? Indem er den Wandel von der katholischen Religion zur Religiosität beschwört.

Keine Ablenkung erwünscht

Im 9. Dezember 1918, einen Monat nach der Novemberrevolution, schreibt er an sie: „Ich möchte Euch wiederholt innig bitten, nicht schnell zu urteilen und nun gar darüber verzweifelt zu sein und zu meinen, dass ich überhaupt nichts mehr glaube und so fort. Im Gegenteil heute, wo ich selbst Gott gegenüberstehe, habe ich eine wahrhaft innere Ruhe und Freudigkeit, eine wirklich lebendige Religiosität.“

Die Eltern brechen nicht mit ihm, sei es, weil sie doch zu stolz auf die Karriere ihres Philosophen-Sohnes sind; sei es, weil ihr Sohn über einen beträchtlichen Charme - trotz all seiner Verstellungen ihnen gegenüber - verfügt, dem sie sich nicht entziehen konnten. Der zärtliche Ton seiner Briefe lässt Letzteres vermuten. Ob Heidegger selbst über die autobiographischen Offenbarungen, wie sie dieser Briefband bietet, so glücklich gewesen wäre? Er war ja der Meinung, dass das Getue um ihn, die Parole von „einem der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart“ (Karl Jaspers) und das Interesse an Episoden seines Lebens, von dem einen, was nottut, nur ablenkt: dem Denken und der Frage nach dem Sein.

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