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Martin Hartmann: Die Praxis des Vertrauens : Vertrauen bedeutet in der Praxis keine Zweifel zu haben

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Der Luzerner Philosoph Martin Hartmann hat seine langjährige Beschäftigung mit dem Phänomen des Vertrauens in ein lesenswertes Buch münden lassen.

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          Vertrauen ist ein gespaltener Wert. Je weniger die Praxis von ihm wissen will, desto höher schätzen ihn Theorie und Moral. So lässt gegenwärtig die anhaltende Finanz-, Staaten- und Währungskrise die Medien immer wieder die Frage diskutieren, wem man noch vertrauen könne und auf welche Werte es heutzutage ankomme. Auch Bundespräsident Christian Wulff hat vor kurzem in Davos den versammelten Eliten aus Wirtschaft und Politik in diesem Sinne ins Gewissen geredet.

          In den Wissenschaften war das Vertrauen seit Thomas Hobbes ein, wenn auch eher indirektes Thema in der politischen Philosophie, in der Sozial- und der Moralphilosophie. Der vorgesellschaftliche Zustand des Misstrauens, des „Krieges aller gegen alle“, muss demnach überwunden werden, indem man dem Staat das Gewaltmonopol überträgt und zur Instanz des Vertrauens aufbaut.

          Vertrauen ist nicht einfach, sondern komplex

          In den vergangenen Jahrzehnten hat demgegenüber vor allem Annette Baier betont, dass Vertrauen nicht nur eine Beziehung zwischen gleichberechtigten Handelspartnern kennzeichnet, sondern auch asymmetrische Beziehungen wie die zwischen Eltern und Kindern und intime Beziehungen. Auch in der Soziologie lässt sich die Promotion des Vertrauens zu einem zentralen Begriff beobachten. Beginnend mit Georg Simmel, erscheint Vertrauen hier als eine Voraussetzung, um koordiniertes Handeln unter Bedingungen weitgehender Anonymität zu ermöglichen. Niklas Luhmann hat auch diese Leistung auf den Begriff der Komplexitätsreduktion gebracht.

          Der Soziologe gibt damit ein berühmtes Stichwort vor für das neue Buch des Philosophen Martin Hartmann, das den Akzent aber ganz anders setzt. Wenn Vertrauen nämlich Komplexität reduziert, dann nur, weil es selbst komplex ist, komplexer jedenfalls, als die vorliegenden Theorien meinen. Die Eigenart dieses Werts in den Blick zu nehmen heißt, seine eigene Art ernst zu nehmen.

          Was für uns wichtig ist, wird geschehen

          Hartmann tut dies in umsichtiger und beeindruckender Weise. Sie bringt ihn zwar in die Schwierigkeit, letztlich nicht klar sagen zu können, was Vertrauen ist. Dennoch kann er einen anregenden, wenn nicht gar überzeugenden Lösungsvorschlag bieten, der sich im Konzept der „Praxis“ verdichtet.

          Obwohl Hartmann also ein begriffsanalytisches Verfahren, das die notwendigen und hinreichenden Eigenschaften des Vertrauens zu bestimmen versucht, nicht für aussichtsreich hält, weiß er, dass Begriffsarbeit grundsätzlich zur Philosophie gehört, und schlägt eine historisch und kulturell variable „Kernbedeutung“ vor, die um einige zentrale Punkte kreist. Vertrauen ist demnach eine Einstellung, die uns kooperativ, unsicher und verletzbar davon ausgehen lässt, dass etwas, was für uns wichtig ist, geschehen wird. So trivial diese Kurzdefinition klingt, sie enthält folgenreiche Elemente.

          Als „Einstellung“ kann Vertrauen nämlich Wünschen, Überzeugungen und Gefühlen zugeordnet werden. Es steht mit ihnen in Verbindung, kann aber nicht auf sie reduziert werden. Vertrauen ist, plakativ gesagt, kein Gefühl. Es ist auch keine Überzeugung, denn es kann nicht wahr oder falsch sein. Wohl aber ist es rational oder irrational.

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