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Matthias Claudius : Vor lauter Schreiben kam er zu keinem Werk

Meister vieler Formen: Matthias Claudius Bild: dpa

Einige der schönsten deutschen Gedichte stammen von einem Mann, der Gärtner war, Sekretär, Militärverwalter und eben auch: ein Dichter. Martin Gecks farbenreiche Biographie zeigt Matthias Claudius, der vor 200 Jahren starb, als Poeten zwischen zwei Epochen.

          Wir glauben zu wissen, was das ist, ein Schriftsteller. Ganz gleich, ob es sich dabei um jemanden handelt, der vorzugsweise Gedichte, Theaterstücke oder Erzählungen und Romane schreibt, immer stellen wir uns den Schriftsteller als jemanden vor, der das hauptsächlich tut. Manche Schriftsteller haben zwar noch sogenannte bürgerliche Berufe, was dann aber auch stets wie eine Auffälligkeit betont wird, wenn von ihnen die Rede ist. Denn die allermeisten berühmten Autoren konzentrieren sich doch auf ihre ästhetische Produktion. Spezialistentum, was sonst?

          Matthias Claudius, wie ihn uns die Biographie des Dortmunder Musikwissenschaftlers Martin Geck vorstellt, war ein anderer Fall. Er hat zwischen 1774 und 1778 zwei, drei der berühmtesten und schönsten deutschen Gedichte geschrieben: das Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“, „Der Tod und das Mädchen“, das Kriegslied „s’ ist Krieg! s’ ist Krieg!“. Heute würde jemand, dem solche Evergreens gelängen, ein Vermögen machen.

          Doch weder das Liederschreiben noch überhaupt die literarische Arbeit nährten damals ihre Produzenten. So war der 1740 in Holstein, zwischen Bad Oldesloe und Lübeck, als Pastorensohn geborene Claudius nach einem halbherzigen Studium der Kameralwissenschaften (einer Art Betriebswirtschaftslehre des öffentlichen Sektors) und einer Weile Müßiggang: Militärverwalter, Sekretär, Nachrichtenredakteur, Oberlandeskommissarius, Rezensent, Erzieher, Amateurtheologe, Gärtner, Übersetzer, politischer Kolumnist, Zeitschriftenherausgeber, Popularphilosoph. Nicht zufällig stand „usw.“ am Ende vieler seiner Sätze. „Asmus omnia sua secum portans“ nennt er seine Zeitschrift: Asmus, der all das seine mit sich führt.

          Anwalt ohne Gesetz, Kritiker ohne Ästhetik

          Das war aber nur geistig gemeint. Claudius war nur notgedrungen mobil. Die 136 Feuerstellen im dänisch regierten Wandsbek, eine Stunde von Hamburg, der gewölbte Nachthimmel darüber und seine Frau - sein „Bauernmädchen“ - sowie die elf Kinder waren ihm Welt genug - wenn nur, ja wenn nur außerdem regelmäßig Post, Bücher, Zeitschriften und Besuch kamen. Der Haushalt auf dem Land, auf das es ihn trotz Stippvisiten in Kopenhagen, Hamburg und Darmstadt immer wieder zieht, und sein „Wandsbecker Bothe“, den er von 1771 bis 1775 herausgibt, sind Treffpunkte der norddeutschen Spätaufklärung um Lessing, Voß, Gleim, Klopstock, Jacobi und Hamann und ihrer ebenso geselligen wie unordentlichen Enzyklopädistik. Sein Biograph schreibt völlig zutreffend, dass Claudius über einen breiten Bildungshorizont verfügte, sich aber immer wieder von ihm distanzierte und niemals hohe Rösser bestieg.

          Das war Journalismus im besten Sinn, unter der historischen Zusatzbedingung, dass es nur einen Redakteur für die ganze Zeitung gab. Und nur vierhundert Leser. Mit achtundzwanzig Jahren beginnt Claudius Beiträge für die zweimal die Woche erscheinenden „Hamburgische Adreß-Comtoir-Nachrichten“ zu schreiben: erfundene Korrespondenzen und Dialoge, Theaterkritiken, Lieder, Anekdoten, Spottverse. Eine der schönsten Rubriküberschriften im „Wandsbecker Bothen“ wird „Gelehrte Sachen“ lauten. Nichts ist zu unbedeutend, um als Gedankenanregung aufgezeichnet zu werden. Salbenrezepte stehen neben Schmähschriften und Kalendergeschichten, der Redakteur ist Pastor ohne Kirche, Arzt ohne Lizenz, Anwalt ohne Gesetz, Kritiker ohne Ästhetik.

          Früh teilt sich dem, wofür Claudius später berühmt wurde, seinen Versen, der kunstvoll einfache Stil dessen mit, der mit ästhetisch ungeschulten Lesern rechnet. Es sind Gebrauchs- und Lebensbegleittexte: Hochzeitsgesänge, Empfehlungsverse („An ein neugebornes Kind, das längst schon erwartet war“), Wiegenlieder, Merksprüche, Grabschriften. Zwischen Form und Funktion entscheidet sich Claudius dabei oft für letztere: „Es hat sich gedreht, und hat sich gedreht, / Eh’s dazu kam, geboren zu werden; / Was wird wohl aus dem Kindlein werden? - Ein Poet’-“.

          Der Umkehrschluss ist jedoch nicht erlaubt. Seine großen Gedichte fielen Claudius nicht formvollendet in den Schoß, sondern waren einerseits der Lohn, wie es beim Handwerk eben ist, für ständiges, auch durch nur halb gelungene Stücke nicht irritierbares Üben am selben Motivvorrat: Mond, Schlaf, Tod. Andererseits treten sie wie Versuche, sich durch Melodie und Bild aufatmende Erleichterung zu verschaffen, aus den vielen Reflexionen hervor, die Claudius an Fragen der Unsterblichkeit und des Seelenschicksals wendet.

          Martin Geck hat eine von großer Sympathie getragene, farbenreiche Biographie geschrieben. Besser noch als die Verskunst und philosophische Orientierung leuchtet sie die gewissermaßen vorästhetische Existenz des Schriftstellers aus, in der sich äußerlich die vielen Berufe und geselligen Zusammenhänge, innerlich Frömmigkeit, Aufklärung, Konservatismus sowie ein seelenphysiognomischer Impuls überschnitten. Dass Matthias Claudius vor lauter Schreiben nicht zu einem Werk kam, wird ebenso anschaulich wie seine ökonomische Lage - mitunter nackte Not -, die sozialen Umstände des Mäzenatentums, von dem er lebte, oder seine Teilhabe an den Tendenzen der Zeit, von Lessings Dramen und der Freimaurerei über die Musik jener Zeit und Goethes „Werther“ bis zur Französischen Revolution.

          Geck verteidigt seinen unheroischen Helden, der am Mittwoch vor zweihundert Jahren starb, tapfer gegen die vielen Herabsetzungen, die - „völlige Null“ (Wilhelm von Humboldt), „ein Narr, der voller Einfaltsprätensionen steckt“ (Goethe) - vor allem aus der olympischen Zone kamen. Man spürt, dass durch sein Schaffen eine literarische Epochengrenze verläuft, die den theologisch interessierten, frommen und gelehrsamen Schriftsteller von Autoren scheidet, die ganz durch ihre einzelnen Werke wirken wollen. Ob „unzeitgemäß“ dafür das richtige Attribut ist, wie Geck meint? Claudius war seinen Zeitgenossen ja noch nicht fremd und für Entfremdung auch nicht das richtige Temperament. Nur eben dass er Gedichte über das Zahnen schrieb - „Victoria! Victoria! Der kleine weiße Zahn ist da“ - und andere, die Franz Schubert vertonen konnte: „Vorüber! Ach, vorüber! / Geh wilder Knochenmann! / Ich bin noch jung, geh Lieber! / Und rühre mich nicht an.“

          Für den Lesefluss hinderlich

          Seinerseits schenkte Claudius übrigens den Formprätentionen der Weimarer und ihrer Unterstützer nichts. Schillers „Im Hexameter steigt des Springquells melodische Säule, / Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab“ kommentierte er so: „Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein; / Im Pentameter drauf läßt er ihn wieder heraus.“

          Apropos Luft: Was einen aus dem Lesefluss dieser Biographie leider mitunter herausbringt, ist das Bedürfnis Gecks, zu Claudius auch eigenen Senf zu geben. Das führt zu entbehrlichen Wendungen wie „Wer denkt hier nicht an ...“ und „Wer lässt im Jahre 2014 noch ernsthaft ...“. Auch die Frage, „Was würde Claudius wohl zu dem Vergänglichkeitspathos eines (!) Johannes Brahms gesagt haben?“ oder die Vermutung, Claudius hätte vielleicht ein Gedicht von Erich Fried „trotz fehlender Jenseitshoffnung“ gefallen, tun nichts zur Sache.

          Doch geschenkt. Womöglich hat Geck an solchen Stellen nur einem Impuls nachgegeben, der in Lesern von Claudius durchaus entstehen kann. Im Bewusstsein, dass schon zu Lebzeiten dieses Schriftstellers die romantische, stärker spezialisierte Auffassung dieses Berufs obsiegte, denkt man mitunter nämlich: So hätte es stattdessen auch gehen können. Gewiss, das ist eine anachronistische unhistorische Phantasie, aber eine reizvolle.

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