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Martha Nussbaum: Die Grenzen der Gerechtigkeit : Gelingen kann das Leben nur gemeinsam

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Cover Martha C. Nussbaum: Die Grenzen der Gerechtigkeit, Suhrkamp Verlag
          4 Min.

          Auch die beste Theorie hat ihre Grenzen. Die Theorie sozialer Gerechtigkeit unter Gleichen, die John Rawls in der klassischen Tradition des Gesellschaftsvertrages entwickelt hat, ist die einflussreichste Gerechtigkeitstheorie des zwanzigsten Jahrhunderts. Und die überzeugendste. Doch trotz aller Präzision bleiben bei Rawls drängende Fragen offen. Oder genauer: Gerade wegen ihres hohen Abstraktionsgrades, wegen der Tendenz, komplexe Realitäten theoretisch zu vereinfachen und politische Prinzipien mittels verfahrensgerechter Strukturen zu ermitteln - darum bleiben in der Konzeption des 2002 verstorbenen Philosophen einige große Probleme ungelöst.

          Weil Menschen mit schweren Behinderungen in den Strukturen gegenwärtiger Vertragstheorien von der Festlegung grundlegender politischer Prinzipien ausgeschlossen sind, bleibt ihr Bürgerstatus prekär, ihr Anspruch auf umfassende Gleichbehandlung gefährdet. In Erklärungsnöte gerät der klassische Kontraktualismus auch, wenn es um Fragen globaler Gerechtigkeit geht, um Freiheit und Gleichheit in einer Welt transnationaler Verflechtungen, die die Grenzen des Nationalstaats überschreiten. Und schließlich stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Tier, nach dem Umgang mit den Interessen nichtmenschlicher Spezies.

          Diese drei Gerechtigkeitsprobleme greift Martha Nussbaum in ihrem Buch über die "Grenzen der Gerechtigkeit" auf, das in diesen Tagen in einer hervorragenden deutschen Übersetzung erscheint. Anders als der Ökonom und Sozialtheoretiker Amartya Sen, dessen gleichfalls von Rawls inspiriertes Buch "The Idea of Justice" (F.A.Z. vom 29. Oktober 2009) ebenfalls zur Frankfurter Buchmesse auf hiesige Ladentische kommt, lässt Martha Nussbaum den liberalen Kontraktualismus aber nicht einfach hinter sich und entwirft Skizzen eines wertgesättigten materialen Gerechtigkeitsbegriffs. Geduldig und präzise lotet die an der University of Chicago Law School lehrende Philosophin die Grenzen der von John Rawls schrittweise erarbeiteten Gerechtigkeitstheorie aus und hinterfragt Konzeptionen, die Rawls selbst wesentlich fortentwickelt hat - etwa in seinem späten Werk "Das Recht der Völker". All das in einer konzisen Gedankenführung und sprachlichen Klarheit, die dieses umfangreiche Buch zu einem philosophischen Lesevergnügen machen.

          Hinter dem Schleier des Nichtswissens

          Martha Nussbaum zeigt, dass es bei Rawls zu theorieimmanenten Spannungen kommt, die sich aus der Verbindung der Lehre des Gesellschaftsvertrags mit einer kantianischen Konzeption der Person und der Gegenseitigkeit der Kooperationsverhältnisse ergeben, die die Vertragsparteien eingehen. Bei Rawls sind die Individuen, die im hypothetischen Urzustand hinter einem "Schleier des Nichtwissens" normative Grundstrukturen ihres Zusammenlebens festlegen, stets selbstbestimmte, vernünftige Bürger, "freie und gleiche und lebenslang uneingeschränkt kooperationsfähige Gesellschaftsmitglieder". Bewusst blende Rawls dabei die menschliche Erfahrung schwerer körperlicher oder geistiger Bedürftigkeit, zeitweiliger oder dauerhafter Abhängigkeit aus. Die Inklusion von Bürgerinnen und Bürgern mit atypischen Beeinträchtigungen verschiebe er auf die Ebene späterer Gesetzgebung.

          Für Nussbaum ist das nicht akzeptabel: "Nur dann, wenn die Parteien im Urzustand nicht wissen, welche körperlichen Beeinträchtigungen sie haben oder nicht haben könnten, werden sie Prinzipien festlegen, die Menschen mit solchen Beeinträchtigungen gegenüber wirklich fair sind." Auf der Theorieebene verkompliziert das die Dinge erheblich: Hinter dem "Schleier des Nichtwissens" können sich die Parteien nicht mehr einfach am Schlechtestgestellten orientieren, denn Besser- und Schlechterstellung in der Gesellschaft lassen sich nicht mehr anhand von Grundgütern wie Einkommen und Vermögen ermitteln. Wer auf einen Rollstuhl angewiesen ist, kann bei gleichem Einkommen und Vermögen deutlich schlechter gestellt sein als eine Person, die sich "normal" fortbewegen kann und keine Hilfen zum Ausgleich ihrer eingeschränkten Mobilität benötigt.

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