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Markus Krajewski: Der Diener : Der Server lässt bitten

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Markus Krajewski: Der Diener Bild:

Die Figur des Dieners ist weitgehend verschwunden. Seine Funktion haben Küchengeräte und Steuerprogramme des Computers übernommen. Markus Krajewski beobachtet die Selbstbedienungsgesellschaft.

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          Einer Legende nach saß ein absolutistischer Monarch zu lange zu nahe am Kamin und verbrannte sich unheilbar - weil gerade der einzige zum Verrücken des königlichen Sessels autorisierte Höfling abwesend war. Scherereien wegen des Personals kennt auch der gewöhnliche Gegenwartsmensch. Wenn er seine Diener ruft, die unter der englischen Bezeichnung „Server“ als Steuerprogramme im Computer arbeiten, kommt es vor, dass diese nicht herbeieilen, sondern ihn minutenlang vor leerem Bildschirm harren lassen.

          Eine solche Situation ist zwar nicht direkt lebensgefährlich, führt aber regelmäßig zu Bluthochdruck und Wutattacken. Sobald sich die digitalen Domestiken dienstbar erweisen, fallen sie ihrem vermeintlichen Herrn nichtsdestoweniger in den Rücken, indem sie die Bewegungen seines virtuellen Stellvertreters, des „Klienten“, wie ihn die Programmierer getauft haben, an fremde Instanzen wie Suchmaschinenbetreiber oder Online-Warenhäuser verraten - und er hat keine Möglichkeit, Insubordination und Indiskretion disziplinarisch zu ahnden.

          Die verborgene Macht des Dienenden

          Der Medien- und Wissenschaftshistoriker Markus Krajewski greift die Szenarien am Kamin und Computer in seinem neuen Buch „Der Diener“ auf, um von der Frühen Neuzeit bis heute die strukturelle Abhängigkeit der Herrschaften von ihren Untergebenen sowie deren verborgenen Anteil an der Macht nachzuweisen. Seine Studie trägt den Untertitel „Mediengeschichte einer Figur zwischen König und Klient“ und wurde an der Bauhaus-Universität Weimar als Habilitationsschrift eingereicht. Mediengeschichte deshalb, weil Krajewski den Diener nicht vorrangig als sozialhistorisches Phänomen, sondern eben als Medium untersucht: „Denn es sind vor allem die Praktiken der Subalternen wie das Aufwarten bei Tisch, die Botendienste, ihre Funktion als analoge respektive digitale Suchmaschinen, ihre Türhüteraktionen oder die indirekten Verrichtungen wie beim kaiserlich-königlichen Hofofenheizer, welche die Subalternen allen voran als Mittler operieren lassen.“

          Dass zwischen Butlern, Servierregalen, Waschmaschinen oder Mailer-Daemons kein Unterschied gemacht wird, ist der spezielle methodische Dreh dieser weit gespannten, über 700 Seiten starken Forschungsarbeit, die auf Dienstregularien des achtzehnten Jahrhunderts ebenso zurückgreift wie auf literarische Quellen oder Gebrauchsanleitungen für Küchengeräte; der Autor stützt sein Verfahren insbesondere auf die vom französischen Soziologen Bruno Latour entwickelte Akteur-Netzwerk-Theorie. Diese beschreibt die Beziehung von natürlichen, technischen und sozialen Entitäten, als seien sie alle von eigenem Willen gesteuert und interaktionsfähig.

          Architektur als strukturelle Grundlage

          Eine große Stärke von Krajewskis Darstellung ist die filigrane Rekonstruktion der räumlichen Entfaltung des Herr-Diener-Verhältnisses, prägnant vorgeführt am barocken Schloss Schönbrunn in Wien sowie an viktorianischer Land- und Stadthausarchitektur. Die Diener unterliegen der paradoxen Anforderung, jederzeit ansprechbar, doch zugleich möglichst unsichtbar zu sein. Deshalb stehen sie zu den Repräsentations- und Wohnräumen der Herren über verborgene Schliefgänge, Tapetentüren, Tunnel, Dienstbotenstiegen und Klingelvorrichtungen in Verbindung.

          Innerhalb dieses Raumgefüges, so zeigt Markus Krajewski, besetzen die Subalternen als Türhüter oder Kammerdiener die wichtigsten Schnittstellen: „Ihr Wert speist sich dabei vor allem aus den entscheidenden medialen Operationen wie dem Zustellen und Abweisen von Nachrichten, der Zugangsregelung erwünschter und missliebiger Personen, dem Aushorchen und Auskundschaften, mithin also aus dem gesamten Spektrum jener Praktiken, mit denen die kulturtechnische Informationshoheit sich ihre Geltung verschafft.“ Zwar verstreue sich die Herrschaftsgewalt nach einem Befund von Carl Schmitt nur in „infinitesimalen Portionen“ auf einzelne Domestiken, doch deren Gesamtheit kontrolliere „die Korridore zur Macht und damit die Macht selbst“.

          Technik determiniert die Nutzer

          Eine andere Leitlinie des Buches verfolgt die Ersetzung menschlicher Handlanger durch Technik und stellt in diesem Zusammenhang eine hierarchische Wende fest: „Technische Dinge bedienen nicht, sondern werden bedient - schon die Bezeichnung ,Manual' oder ,Bedienungshandbuch' spricht Bände.“ Das technische Instrumentarium verlange vom Anwender „self service“.

          Ein Einwand gegen die Akteur-Netzwerk-Theorie liegt auf der Hand: Unbelebte Gegenstände verfügen weder über einen Willen noch über Intelligenz. Digitale Server haben keine Handlungs- oder Entscheidungsspielräume, sie agieren starr nach programmierten Schemata - mögen diese noch so ausgeklügelt sein. Kann unter solchen Voraussetzungen von Machtausübung gesprochen werden?

          Dass Technik ihre Nutzer determiniert, lässt sich freilich nicht bestreiten und wird im Hinblick auf das Internet seit Jahren diskutiert - Markus Krajewski präzisiert nun aus kommunikationstheoretischer Sicht, wie solche Einflussnahme erfolgt, und verleiht so der Metapher von der Macht des Computers erhellende Kraft.

          Früher Service, heute Selbstbedienung

          Schwieriger lässt sich ein anderer Einwand beantworten: Welche Forschungsmöglichkeiten eröffnet die Erkenntnis, dass Türsteher im Palast Anteile an der Herrschaftsgewalt oder Gehilfen im Physiklabor Verdienste um die Wissensproduktion haben, wenn diese Anteile weder quantitativ noch qualitativ bestimmbar sind?

          Wertvolle Anknüpfungspunkte bietet Krajewskis Studie eher in anderer Hinsicht: Beispielsweise unterstreicht sie den Wandel der angeblichen Dienstleistungs- in eine Selbstbedienungsgesellschaft (Stichwort: der arbeitende Kunde) und stützt Überlegungen, inwiefern die programmierte Informationshoheit der Online-Server weniger dem Klienten als vielmehr datenverarbeitenden Wirtschaftsunternehmen dient.

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