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Häusliche Gewalt : Bitte nicht wegsehen!

  • -Aktualisiert am

Kein Ausnahmefall: Im Jahr 2015 gab es allein in Nordrhein-Westfalen 26.464 Strafanzeigen wegen Fällen von häuslicher Gewalt. Bild: dpa

Markus Breitscheidel kennt Gewalt in der Familie – sein Vater hat ihn, seinen Bruder und seine Mutter immer wieder verprügelt. Mit seinem sehr persönlichen Buch will er nun aufrütteln.

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          Es ist die Geschichte eines vom Vater aufs schlimmste misshandelten Kindes. Auch seine beiden Brüder und die Mutter wurden schwer misshandelt. Der Titel eines anderen Buches, das zwei Gerichtsmediziner geschrieben haben, kommt einem unwillkürlich in den Sinn: „Deutschland misshandelt seine Kinder“. Markus Breitscheidel hat seine Erfahrungen mit einem prügelnden Vater in den siebziger und achtziger Jahren gemacht. Die Gewalterfahrungen, die Väter im Krieg, durch den Krieg und durch die Zeit des Nationalsozialismus gemacht und verinnerlicht hatten, gingen in den Familien weiter.

          Die Mutter des Autors wehrte sich nicht, kehrte sogar zum Vater zurück, als der versprach, nicht mehr zu trinken, denn Alkoholexzesse spielten bei den Gewalthandlungen eine wichtige Rolle. Es gab zahlreiche Mitwisser: die Eltern der Mutter, verblendet durch die Vorstellung, dass eine Frau bei ihrem Mann zu bleiben habe, die ihre Tochter und die Enkelkinder immer wieder zum prügelnden Ehemann zurückschickten. Nachbarn, die wussten und doch schwiegen. Aber auch ein mutiger Nachbar, der den Vater zur Rede stellte, was traurigerweise noch mehr Gewalt für den Sohn zur Folge hatte. Der Pfarrer, der dem geprügelten Kind einredete, der Vater würde es sicher zu Recht strafen.

          Was waren die Ursachen?

          Diese Beschreibungen kennt man aus der Behandlung zahlreicher Opfer von häuslicher Gewalt – man liest sie trotzdem mit Fassungslosigkeit. Die Opfer kommen in die psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung mit schweren Folgeschäden ihrer Kindheitserfahrungen. Lange Zeit wollten Fachleute davon nichts wissen: dass Alkohol- und Drogenmissbrauch, schwere Depressionen, Panik- und andere Angsterkrankungen, aber auch viele andere psychische und psychosomatische Erkrankungen mit Erfahrungen von Gewalt – und sexualisierter Gewalt – in Kindheit und Jugend zusammenhängen. Dass durch derartige Erfahrungen das Stressverarbeitungssystem schwer geschädigt sein kann, so dass solche im wahrsten Wortsinn geschlagene Menschen selten zur Ruhe kommen können. Und ihrerseits – auch das ist leider wahr – wiederum ihre Kinder misshandeln.

          Markus Breitscheidels appelliert an alle Zeugen häuslicher Gewalt: nicht wegschauen.

          Bereits in den Jahren 1785/86 schrieb Karl Philipp Moritz seinen psychologischen Roman „Anton Reiser“, in dem es um Misshandlungen des Protagonisten ging und die sich daraus ergebenden Folgen. Schon Moritz wollte seine Leser wach machen. Dies ist auch das Anliegen von Breitscheidels Buch. Seit Ende des achtzehnten Jahrhunderts hat sich zwar einiges zum Besseren entwickelt, aber leider bei weitem nicht genug. Breitscheidel stellt wichtige Fragen: „Wozu haben wir, unsere Mutter, Wolfgang, Oliver und ich, das so lange mitgemacht? War es der Luxus der siebziger Jahre? War es das vorherrschende Statusdenken? Die sechziger Jahre mit dem ,Haste was, biste was‘-Modus? Oder waren es die fünfziger Jahre schon, in denen nur nach vorn und nicht zurück gesehen werden durfte? Oder gar die vierziger mit Krieg und Nachkriegszeit?“

          Vermutlich waren es vor allem die vierziger Jahre, die Spuren in den Eltern hinterlassen haben: Gewalt weiterzugeben, indem man selbst Gewalt ausübt oder indem man sich duckt und die eigenen Kinder nicht schützt. Aber auch dieses Jahrzehnt ist nicht der Anfang. Man lese „Der Untertan“ von Heinrich Mann, erschienen kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Man lese, um noch weiter zurückzuschauen, „Hört ihr die Kinder weinen“ von Lloyd de Mause, hier beschreibt der Autor Kinderelend über die Jahrhunderte. Das Buch erschien auf Deutsch zuletzt 1990, seither hat es keine Neuauflage mehr gegeben.

          Mitgefühl ist das, was wir am meisten benötigen

          Hinschauen tut weh, Aufbegehren macht Angst: Aus psychoanalytischer Sicht gibt es die Identifikation mit dem Aggressor, man verhält sich schließlich wie der Täter. Andere wiederum haben Angst, das Unrecht beim Namen zu nennen, sich zu wehren. Eigene zerstörerische Tendenzen anzuerkennen ist ebenfalls eine Herausforderung, der sich viele nicht stellen mögen – gleichwohl es Angebote von Beratungsstellen, Kinderschutzzentren und Frauenhäusern gibt.

          Markus Breitscheidel hat als Undercover-Autor in der Wallraff-Nachfolge drei Bücher veröffentlicht, über den Alltag in Pflegeheimen und prekäre Arbeitsverhältnisse. „Nicht auf den Kopf“ ist sein persönlichstes Buch. Es möchte dazu einladen, sich in das Elend der Betroffenen hineinzuversetzen. Er appelliert an seine Leser, nicht wegzusehen, wenn in der Nachbarschaft „geschrien, geschlagen, um Hilfe gerufen, erpresst, geprügelt, abgelehnt, gedemütigt, ausgegrenzt oder gezüchtigt“ wird. Breitscheidel erbittet Mitgefühl, weil Mitgefühl nach allem, was wir heute wissen, das ist, was wir am meisten benötigen. Im Nachwort von Sabine Andresen und Cordula Lasner-Tietze finden sich Informationen zum Kinderschutz. Ein informatives, ein mutiges Buch.

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