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Mark Hengerer: Kaiser Ferdinand III. Eine Biographie : Für Austrias Ehre und Erdbeeren

Bild: Böhlau Verlag

Ein Zauderer und Freund der Tafel auf der Schwelle der Neuzeit: Mark Hengerer hat eine beeindruckende Biographie des Habsburgerkaisers Ferdinand III. vorgelegt.

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          In der Galerie der „Helden des Rückzugs“, die Hans Magnus Enzensberger angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetmacht in Osteuropa entworfen hat, kommt Ferdinand III. nicht vor. Dabei ist er einer der politischen Ahnherren jener Erben des Totalitarismus, die sich auf das Machbare beschränkten, irreale Großmachtphantasien aufgaben und das Dogma, dem sich ihre Vorgänger verschrieben hatten, auf ein Maß zurückschraubten, das ihrem Überleben dienlich war.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das Dogma, das war für Ferdinand III. die Gegenreformation, die sein Vater Ferdinand II. in der ersten Phase des Dreißigjährigen Krieges mit Hilfe von Wallensteins Heeren bis an die Ostsee getragen hatte, bevor er den von dort heranrückenden Schweden und ihren französischen Verbündeten das eroberte Territorium stückweise preisgeben musste. Der Zusammenbruch der habsburgischen Herrschaftsansprüche in Norddeutschland, die auf eine konfessionelle (Stichwort Restitutionsedikt) und wahlrechtliche Hegemonie der katholischen Südstaaten des Heiligen Römischen Reiches hinausliefen, vollzog sich im gleichen Takt wie die Niederlagen der kaiserlichen Heere. Im Westfälischen Frieden von 1648 wurde unter beides ein Schlussstrich gezogen: Die Neuregelung der mitteleuropäischen Verhältnisse schwächte die Rolle des Kaisers im Reich, stärkte aber zugleich seine Macht als Landesherr. Das Haus Habsburg überlebte den Vernichtungskrieg, so dass es nur zwei Generationen später, unter Ferdinands Sohn Leopold I. und Prinz Eugen, weit nach Osten ausgreifen konnte.

          Ein Festlandsdegen der nicht fechten kann

          Erstaunlicherweise waren Biographien des Herrschers, der diese historische Rückzugsbewegung befahl und erlitt, bis in allerjüngste Zeit Mangelware. Vor vier Jahren erschien dann Lothar Höbelts Buch über den „Friedenskaiser wider Willen“, das den dritten Ferdinand als imposante, wenn auch manchmal etwas blasse Zentralfigur in ein vielfarbiges Panorama des europäischen Hochbarock stellte. Mark Hengerers Studie, die ebenfalls für 2008 angekündigt war, aber erst jetzt mit erheblicher Verspätung herauskommt, ist gewissermaßen das Gegenstück zu Höbelts Arbeit, im inhaltlichen wie im formalen Sinn. Wo Höbelt das Geschehen breit ausmalt und dabei auch Unschärfen zugunsten sprachlicher Flottheiten in Kauf nimmt, zeichnet Hengerer mit dünnen und präzisen Strichen. Und wo bei Höbelt der Anmerkungsteil nur dreißig von 480 Seiten ausmacht, sind es bei Hengerer, wenn man das Register mitzählt, fast zweihundert von 560 Seiten - ein einschüchterndes Mischungsverhältnis.

          Doch man sollte sich nicht einschüchtern lassen. Der üppige Nachspann hat beispielsweise den Vorteil, dass zahlreiche Spuren aus dem Text nach Belieben weiterverfolgt werden können: etwa jene Anmerkung zum zweiten Kapitel, die den Zusammenhang zwischen der Quecksilbergewinnung im istrischen Bergwerk Idrija und der Silberproduktion der bolivianischen Mine Potosí beleuchtet, oder die in einer anderen Endnote verzeichnete Klage von Ferdinands Bruder Leopold Wilhelm, der als Statthalter in Brüssel amtierte, dass in ganz Flandern „khein mensch waiss, was die Alchimia ist“, weshalb es mit der Goldmacherei bei den chronisch unterfinanzierten Habsburgern nicht voranging. Das Kriegführen war schon damals eine globale Angelegenheit, die Geld- und Soldatenbeschaffung auf dem Tiefpunkt der Kleinen Eiszeit um 1640 auch eine Frage des Klimas, und Ferdinand III. sah sich als Festlandsdegen des spanisch-habsburgischen Weltreichs in einer Mächtekonstellation gefangen, in der seine Interessen als Landesfürst oft mit den weiter gespannten Zielen seiner Dynastie kollidierten.

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