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Daguerreotypie von Henry Meade, New York, um 1858 Bild: Mark Gulezian/NPG

Das Leben der Lola Montez : Was reizte den König an der Lügnerin?

Vexierspiel der Identität: Lola Montez kostete König Ludwig erst Geld, dann Nerven und schließlich die Krone. Mit Hilfe neuer Quellen klärt Marita Krauss in ihrer Biographie der Tänzerin manches Missverständnis auf.

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          Es gibt nicht viele historische Figuren, an denen man mit vergleichbarem Unterhaltungswert die Zeitgeschichte nachvollziehen könnte: Die Tänzerin Lola Montez reiste nicht nur viel und war immer im Zentrum des Geschehens, sondern sie befeuerte es mit ihrem ungezügelten Temperament. Deshalb gibt es auch schon etliche Filme und Bücher über sie. Der Historikerin Marita Krauss ist es jedoch gelungen, Zugang zu Quellen zu erhalten, die andere Lola-Biographen nicht hatten, nämlich die Tagebücher König Ludwigs I. in der Bayerischen Staatsbibliothek. Zuvor durften nur der Ludwig-Biograph Heinz Gollwitzer und Hubert Glaser für die Edition des Briefwechsels des Königs mit seinem Architekten Leo von Klenze sie einsehen.

          Julia Bähr
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          Mit diesen neuen Quellen klärt Krauss manches historische Missverständnis auf: Wenn einer wirklich über die Ereignisse Bescheid wusste, dann König Ludwig, dessen beinahe keusche Liebesbeziehung zu Lola Montez ihn schließlich die Krone kostete. Seinem verklärten Blick auf sie muss man jedoch nicht folgen, und Krauss liegt nichts ferner, sie stellt stattdessen die richtigen Fragen: „War sie eine der großen Kurtisanen der Weltgeschichte, die man Frauen wie Madame de Pompadour an die Seite stellen sollte? War sie eine freche, eitle, indiskrete und machtgierige Hochstaplerin? War sie ein Opfer der Presse oder eine Meisterin der Selbstvermarktung? Oder war sie eine selbständige und emanzipierte Frau?“

          Marita Krauss: „Ich habe dem starken Geschlecht überall den Fehdehandschuh hingeworfen“. Das Leben der Lola Montez.
          Marita Krauss: „Ich habe dem starken Geschlecht überall den Fehdehandschuh hingeworfen“. Das Leben der Lola Montez. : Bild: C.H.Beck Verlag

          Auf jeden Fall war sie Eliza Gilbert, eine Britin, die sich nach kurzer und unerfreulicher Ehe in eine Kunstfigur verwandelte, die ihr viel mehr entsprach als die der englischen Rose aus dem Mädchenpensionat. Den Spaniern wurde damals Tapferkeit und Ehrgefühl zugeschrieben, Rachsucht, Unversöhnlichkeit, hohe Einschätzung des eigenen Ranges, Temperament und zugleich Kaltblütigkeit. Was hätte für eine Frau mit Eliza Gilberts Persönlichkeitsstruktur nähergelegen als ein Leben als spanische Tänzerin? Zugleich war die Idee des Identitätswechsels so weit hergeholt, dass sie immer wieder mit ihrer Scharade durchkam. Sie selbst war ihre beste Ablenkung: Die meisten Menschen fanden sie entweder so bezaubernd oder so empörend, dass die Frage nach ihrer wahren Identität darüber in den Hintergrund trat. Richard Wagner etwa, der ihr kurz begegnete, als sie mit Franz Liszt assoziiert wurde, zitiert Marita Krauss mit Worten aus seinem Tagebuch: Sie habe unverschämte Augen und sei ein „herzloses dämonisches Wesen“. Da war sie erst 23 Jahre alt.

          Auf Zeitungsberichte und die Tagebücher sowie Briefe anderer zurückzugreifen erscheint bei einer Persönlichkeit wie Lola Montez besonders wichtig, weil sie selbst mit ihrer Neigung zum Übertreiben und Fabulieren nicht als verlässliche Quelle gelten kann. Krauss geht offen mit dieser Ambivalenz um. Sie zitiert zwar hin und wieder aus ihren Memoiren, weist jedoch darauf hin, dass diese „in weiten Teilen als fiktionaler literarischer Text zu lesen sind“. Besonders interessant ist das nicht bei den kleinen Anekdoten, von denen die Hälfte stimmen mag oder auch nicht, sondern bei den großen Abenteuern: War Lola Montez wirklich längere Zeit in Russland? „In ihren Memoiren nimmt die Schilderung ihrer Erlebnisse in St. Petersburg und Moskau 180 Seiten in Anspruch“, schreibt Krauss, geht jedoch nicht weiter auf diesen Bericht ein – denn nichts davon ist belegt, es gibt auch keinen Hinweis auf einen oder mehrere Auftritte. Das ist insofern höchst verdächtig, weil Lola Montez immer in den Zeitungen auftauchte, wo sie auch war.

          Lola Montez 1852 mit dem Cheyenne-Häuptling Alights-on-the-Cloud, dem sie zufällig im Fotostudio in Philadelphia begegnet war
          Lola Montez 1852 mit dem Cheyenne-Häuptling Alights-on-the-Cloud, dem sie zufällig im Fotostudio in Philadelphia begegnet war : Bild: Verlag

          Der für die Tänzerin und Bayern besonders prägenden Zeit in München räumt Krauss viel Platz ein. Man mag kaum glauben, dass es sich nur um anderthalb Jahre handelt, so viele minutiös recherchierte Geschichten haben sich in dieser kurzen Zeit ereignet. Dass Lola Montez in allen Klatschspalten vorkommt, liegt nicht nur an ihrer Beziehung mit dem König: Sie zerreißt gerne Dekrete, pflegt aberwitzige Ambitionen und gießt gerne Öl ins Feuer, indem sie bei Protesten der Bevölkerung gegen ihren Einfluss auf den König selbst auftaucht. Als ihre größten Feinde macht sie schnell die Jesuiten aus, zwei Kabinette fallen in dieser Zeit auseinander. Als Professorin für Europäische Regionalgeschichte sowie Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg kann Marita Krauss hier aus dem Vollen schöpfen: Eine aufregendere Perspektive auf diese Jahre als die über die Schulter von Lola Montez kann es kaum geben.

          Zugleich beleuchtet die Biographie aber auch die Verhaltensmuster von Lola gegenüber den Männern, die ihr verfallen. Die Verfasserin hütet sich vor Interpretationen oder Wertungen, doch aus heutiger Sicht würde man die selbsternannte Spanierin wahrscheinlich als emotional missbräuchliche Narzisstin bezeichnen: Sie droht mit Suizid, lügt, ohrfeigt, schmeichelt, bettelt, fordert, unterstellt anderen Betrug und betrügt doch selbst. Ihre Manipulationen gehen auf, auch wenn Ludwig immer wieder wütend auf sie ist, wie seine Tagebucheinträge verraten: „Hab ich auch ferne von ihr keine Ruhe! Ich wiederhohle aber fest halte ich an ihr, ich trenne mich von ihr nicht.“Ebenso geht es dem Leser dieser Biographie, denn trotz oder wegen aller Kapriolen und Finten kann man den Blick kaum abwenden vom Lebensweg der Lola Montez, der sie schließlich in eine Goldgräberstadt in Nevada führt und dann, wohin sonst, nach New York. Marita Krauss’ nüchterne Herangehensweise ist genau richtig für diese Geschichte, die keinerlei Dramatisierung benötigt, um immer wieder zu verblüffen.

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