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Marion Müller: Fußball als Paradoxon der Moderne : Soziologie in der Umkleidekabine

„Meine Herren, wir sind hier nicht bei der SPD, im Fußball spielen nur die Besten“, meinte einst Otto Rehhagel. Jetzt liegt eine erste Feldforschung dieser Besten und ihrer Einstellung zur Welt der Leibesübungen vor. Das Ergebnis ist lesenswert.

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          Im Fußball war und ist es möglich: Ausländerregelungen, nationale Emphasen, selbst im Vereinsfußball, völkerkundliche Vokabulare („südamerikanische Geschmeidigkeit“, „deutsche Tugenden“ in der Spielzerstörung, „angeborene Verspieltheit“ der Afrikaner), sogar landsmannschaftliche Vereine ( Türkiyemspor Berlin“). Die Soziologin Marion Müller geht der Frage nach, warum ausgerechnet hier, im Sport, solche ethnischen Gesichtspunkte so aufdringlich sind. Und geschlechtliche.

          Bis in die siebziger Jahre hinein war Frauenfußball innerhalb der Verbände untersagt, obwohl es ihn zu Beginn der Fußballgeschichte im 19. und frühen 20. Jahrhundert schon einmal gegeben hatte. Nirgendwo anders werden in der modernen Gesellschaft Geschlechtertrennungen so rigide durchgeführt wie im Sport. Ab der C-Jugend spielen Buben und Mädchen in verschiedenen Ligen. Auch symbolisch: Als die DFB-Auswahl der Männer ihren letzten Titel errang, bekamen die Spieler 100 000 Mark; für denselben Titel, Europameister, hatten die Frauen 1989 ein Kaffeeservice erhalten. Inzwischen hat sich das etwas angeglichen. Die Männer bekämen eine nur noch sechsmal so hohe Siegprämie, so sie denn jemals einen Titel holen würden.

          Sport als System von Leistungsvergleichen

          Marion Müller skizziert zunächst die Geschichte dieser Unterscheidungen; wie der moderne Sport als System von Leistungsvergleichen entstand, wie er sich allmählich aus medizinischen und pädagogischen Zwecksetzungen löste, wie es zu einheitlichen Regelwerken, zur Professionalisierung und zu jener eigenartigen Mischung aus universellen und partikularistischen Orientierungen kam.

          Der eigentliche Beitrag dieser Dissertation beruht aber auf Feldstudien bei drei Bundesligaclubs: Mainz, Bielefeld und Wolfsburg. Dort hat die Autorin mit Trainern, Managern und Spielern gesprochen sowie die Mannschaften beim Training und danach, im Bus, in den Umkleidekabinen, in den Mannschaftsräumen, beobachtet. Unter widrigen Umständen, weil Fußballer erstens - aus Misstrauen, Zeitmangel, Ermüdung durch die immergleichen Fragen der Presse und oft auch aus sprachlichem Unvermögen - einsilbig sind. Außerdem schützen die Vereine, zweitens, ihr Personal vor jeder Belastung, die nicht dem Spiel zugute kommt, kontrollieren am liebsten jeden seiner Schritte. Das lässt Profifußballteams fast zu totalen Institutionen wie Schiffen, Internaten oder Armeen werden: In Mainz arbeiteten selbst die Türsteher der lokalen Diskotheken durch Denunziation der Spielerkontrolle zu.

          Alles dreht sich um den Körper

          Dass an der Soziologin vor Ort auch eine ganze Skala anzüglicher Witze und Provokationen ausprobiert wurde, gehört hingegen zu den günstigen Umständen ihrer Studie. Denn vulgäre Angeber wie der Trainer Uwe Rapolder merkten nicht einmal, wie sehr sie damit zur Erkenntnis beitrugen. Denn die Anzüglichkeit gehört zum Kanon jener Gemeinschaftsbildung, die im Profifußball essentiell ist. Alles dreht sich um die Körper der Spieler, weshalb die Bedeutung, die der leistungsfähige Körper im Fußball hat, auch alle anderen Kommunikationen in diesem Milieu prägt. Der Torjubel wird in Berührungsritualen ausgelebt, die zugleich jeden Anflug von Homosexualität vermeiden; Trainer berühren ihre Spieler, als seien sie Kinder; der Umgangston ist rauh, und die Frotzelei als häufigste Form der Mitteilung bezieht sich zumeist auf körpernahe Themen. Umkleidekabinen sind Zonen, in denen keine Rücksicht auf Peinlichkeit genommen wird, gerade dadurch aber der Zusammenhalt der Gruppe demonstriert werden soll.

          So wie im Verein der Organisationszweck und die Motivation zur Mitgliedschaft - anders als bei Firmen oder Behörden - nicht auseinanderfällt, so soll auch der Spieler, obwohl er gewiss mehr durch das Gehalt als die Farben der Mannschaft motiviert ist, sich als ganze Person beanspruchen lassen. Manager beobachten beispielsweise Spieler, die auf der Ersatzbank sitzen, darauf hin, ob sie bei Torerfolgen auch mitjubeln. Der Körper ist also im Fußball als das, was dem Team zur Verfügung gestellt wird, ein Symbol für die Gemeinschaft. Als Thomas Brdaric von Hannover 96 einmal meinte: „Als Stürmer hast du so eine Geilheit, das Tor zu schießen. Deshalb ist ein 4:4 mit vier eigenen Toren wichtiger als ein Sieg der Mannschaft“, hatte er dieses Symbol an seiner brüchigsten Stelle berührt.

          Sprüche als Beruhigung von Ungewissheit

          So kann es kommen, dass die Spieler eine Welt beklagen, in der es „nur noch um Geld“ geht, oder bei ständigem Vereinswechsel ebenso treuherzig wie unfreiwillig komisch versichern, ihr Herz schlage stets ganz für den Verein, bei dem sie gerade spielen. Und so kommt es auch, dass körperbezogene Zuschreibungen wie Ethnie, Nationalität und Geschlecht nicht als Widerspruch zum Leistungsprinzip wahrgenommen werden. Man findet es ganz natürlich, dass es Nationalmannschaften, und ganz unnatürlich, dass es Frauenfußball gibt (inzwischen lautet die Formel: Frauenfußball ist prima, aber etwas vollkommen anderes als Männerfußball). Es werden Zusammenhänge zwischen nationaler Herkunft und Leistungsfähigkeit konstruiert, oder es wird umgekehrt - vor allem in Vereinen ohne kühle Organisation, wie Mainz - die fremde Herkunft als Hemmnis in der Kommunikation gedeutet. Das nationale Stereotyp dient dazu, die diffusen Gründe für Leistungskomponenten (Stil, Moral, Charakter) in den Griff zu bekommen: Argentinier sind halt anders als Brasilianer. Und fast sagt das Stereotyp: Sie sind deutscher.

          Solche Sprüche werden von den Trainern und Spielern als Erfahrungssätze mitgeteilt. Doch sie dienen nur zur Beruhigung von Ungewissheit. Ein Ergebnis dieser lesenswerten Arbeit ist insofern, dass der Fußball seine Verwissenschaftlichung noch vor sich hat. Lexika der Fußballmythen und -irrtümer gibt es schon, jetzt müssen nur noch die Akteure zum Lesen gebracht werden.

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