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Stokowskis neues Buch : Prophetin der letzten Tage

Mehr als unterhaltsam: Margarete Stokowski Bild: Picture-Alliance

Deutschlands Vorzeige-Feministin Margarete Stokowski hat ihre Kolumnen aus sieben Jahren in ein Buch gefasst. „Die letzten Tage des Patriarchats“ ist eine Chronik, deren aufmerksames Studium sich lohnt. Wer weiß, was noch kommt.

          Die Überzeugung, über mehrere Jahre hinweg jede Woche eine solide, pointierte Kolumne schreiben zu können, ist heikel. Es gibt Wochen, in denen fehlt es an Ereignissen, in anderen an Einfällen, dann wieder bringt die Nähe zu einem Thema merkwürdige Priorisierungen mit sich. Wer glaubt, Woche für Woche den perfekten Ton zu treffen, ist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht der Richtige für den Job, auch wenn manch altgedienter Magazinkolumnist das bestreiten mag.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Autorin und Journalistin Margarete Stokowski schreibt seit 2011 Kolumnen, die sich meistens mit feministischen Themen befassen. Nach vier Jahren bei der „taz“ bekam sie auf „Spiegel Online“ eine wöchentliche Kolumne namens „Oben und unten“. Seitdem ist einiges passiert, das Sexualstrafrecht wurde geändert, die Ehe für alle eingeführt, Tausende demonstrierten für mehr Gleichberechtigung, die Debatte über Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt ist seit einem Jahr tagesaktuell. Aus zweihundert in diesen Jahren entstandenen Kolumnen, unter denen sich nach eigener Einschätzung auch „richtig schlimme“ fanden, hat Stokowski ein Drittel überarbeitet, kommentiert und, mit einem streitlustigen Vorwort versehen, in Buchform gebracht.

          Verbreiteter Stolz auf Inkompetenz

          Stokowskis Texte handeln von einer Gesellschaft, in der Kinobesucher über die Sexszenen gleichgeschlechtlicher Paare kichern, in der für die Funktion der „Präsidentengattin“ eine Vollzeitstelle vorgesehen ist, ein spanisches Gedicht an einer Hauswand für Furore sorgt und der „Bullshit-Feminismus“, dem die Kolumnistin seinen Namen gegeben hat, jenseits des Atlantiks blüht. In der mit einem Hashtag eine Debatte um Reue über Mutterschaft, das Versagen Einzelner und die Belastungen vieler eröffnet wird.

          Für ihre Tendenz zum Rundumschlag ist Stokowski seit ihrem Debüt „Untenrum frei“ bekannt, ebenso wie für den lakonisch-analytischen, bisweilen provokanten Ton. Wenn ihre Kolumnen gelungen sind, und das gilt für viele von ihnen, bringen sie die Einordnung von Alltagsbeobachtungen und Politik aus feministischer Perspektive in Einklang. Peinlich, spätpubertär und selbstdarstellerisch, urteilten Leser. Stokowski nimmt ihre Kritik in den Band auf, lässt sie aber nicht auf sich sitzen, genauso wenig wie undifferenzierte Urteile von Journalisten und Politikern zu Sozialhilfe, Gleichstellungsberichten und Binnen-Is: Weit verbreitetet sei der Stolz auf Inkompetenz bei gleichzeitiger Meinungsstärke, schreibt sie und bietet ihre Argumente dar wie einen gewaltigen Blumenstrauß. Und Vorsicht vor dem „Institut für korrekte Frauenkörpernutzung“, das streng reglementiert, wie Frauen sich im öffentlichen Raum zu verhalten haben.

          „Wir reden nicht über Männlichkeit“

          Von Sprachwitz und Selbstironie einmal abgesehen, ist es Stokowskis Nähe zu den Leserinnen und Lesern, die ihr erlaubt, auch einmal über die Stränge zu schlagen. Man wünschte, es wäre anders, aber noch bedienen Frauen eben selten Schlagbohrmaschinen oder Betonmischer. Jahre, nachdem sich die Kolumnistin darüber empört hat, dass Baumärkte keine Arbeitshosen in Frauengrößen verkaufen, berichtet sie von der Begegnung mit einem Taxifahrer: Warum sie nicht einfach eine alte Jeans zum Renovieren benutzt habe, fragte der. Auch darauf findet sie eine passende Erwiderung. Aber die Erfahrung verrät viel über die Ideale und Grenzen des feministischen Projekts.

          „Wir reden nicht über Männlichkeit, obwohl wir umgeben sind von Gewalt, die von Männern ausgeht“, schreibt Stokowski und dass für jene, die nicht für sich sprächen, andere das Wort ergriffen. Gendertheorien-Vorwissen setzt sie nicht voraus – eine Eigenschaft, die sie mit der britischen Feministin Laurie Penny teilt. Anhand eines Auftritts von Beyoncé – das Frauenmagazin „Emma“ schimpfte damals über zu viel nackte Haut – erklärt sie den Konflikt zwischen altem und neuem Feminismus (jeder und jede soll bitte selbst entscheiden dürfen). Immer wieder treffen ihre Beobachtungen einen Nerv, und auch deshalb erhielt Stokowski in den vergangenen Jahren so viele aufgebrachte Reaktionen, von Beleidigungen über anzügliche Kommentare bis zu Morddrohungen. Ein Leser schrieb ihr in drei Jahren zweihundert E-Mails.

          Man kann „Die letzten Tage des Patriarchats“ als eine Sammlung von Einzeltexten lesen und sich über die ewigen Wiederholungen der Streitthemen wundern. Die Behauptung, Männer könnten sich heutzutage nichts mehr trauen, ist älter als Rainer Brüderles missratenes Kompliment und Jens Jessens Titelgeschichte in der „Zeit“. Man kann aber auch die Genese von Stokowskis Themen und die Chronik der Ereignisse aufmerksam studieren. Vielleicht werden sie noch von Interesse sein – als zeitgeschichtliches Dokument.

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