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Ende des Ersten Weltkriegs : Es reichte nicht, gesiegt zu haben

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Drei Tonnen Dokumente mussten diese Gendarmen bei der Pariser Friedenskonferenz 1919 sichten. Bild: Picture-Alliance

Marcus M. Payk beschreibt in seinem Buch „Frieden durch Recht?“, welch neue Bedeutung dem Völkerrecht bei den Pariser Friedensverhandlungen 1919 zukam.

          Im Winter 1918/19 herrscht in den Pariser Hotels drängende Raumnot. Die vor kurzem noch donnernden Waffen des Krieges schweigen, die Gespräche über den Frieden stehen vor ihrem Beginn. Paris wird dabei zum politischen Zentrum der Welt werden. Für die Friedenskonferenz kommen Delegationen aus aller Welt zusammen, die zahlenmäßig Rekordstärken erreichen. Auch Lobbyisten und Journalisten finden sich in der Stadt ein. Paris würde Friedensschlüsse hervorbringen, die sich durch besondere Detailliertheit, vor allem aber durch vermutlich präzedenzlose Bezüge auf Recht, Legalität und Gerechtigkeit auszeichneten. War das ein Erfolg oder bereits das Menetekel ihres Scheiterns?

          Es gehört zu den größten Verdiensten des brillanten Buches von Marcus Payk, wie es die Friedensschlüsse in die globale Geschichte ab dem späten neunzehnten Jahrhundert einbettet. Die preisgekrönte Berliner Habilitationsschrift widmet sich mit Genauigkeit, interessanten archivalischen Funden und pointierten Formulierungen den Ereignissen rund um die Abkommen mit den Kriegsverlierern. Verhandlungen, Struktur und Inhalte der Verträge von Saint-Germain, Neuilly-sur-Seine, Trianon und Sèvres werden erzählt. Versailles aber war ein Muster für sie alle und bekommt zu Recht – und zwar nicht nur aus deutscher Sicht – einen besonders prominenten Platz eingeräumt.

          Wie noch kein anderer Autor zuvor betont der Berliner Historiker die Rolle des Völkerrechts in diesem Prozess. Mit großer Klarheit und bestechender Argumentation wird deutlich, dass die Pariser Friedensverträge auf einer Linie lagen mit der zunehmenden Formalisierung und Institutionalisierung der Staatenverhältnisse seit dem neunzehnten Jahrhundert: „Verrechtlichung“ ist das Leitthema dieses Buches. Das Völkerrecht als eine sehr spezielle, europäisch geprägte normative Ordnung spielte eine rechtfertigende und handlungsleitende Rolle. Internationale Konferenzen und Kongresse, die Kodifizierungsversuche vor und auf den Haager Konferenzen sowie ein kollektiver Mentalitätswandel hatten seinem Siegeszug den Boden bereitet.

          Verträge sind nur „ein Fetzen Papier“

          Zunächst erzeugte das Recht hohe Erwartungen. Bereits im Ersten Weltkrieg wurde das außenpolitische und militärische Handeln aller Akteure im Licht des Rechts erörtert. Dieser wurde wie vermutlich kein Krieg zuvor im Namen eines positiven Völkerrechts geführt. Völkerrecht wurde zu einem „Rechtfertigungsnarrativ“, welches insbesondere das Handeln der Alliierten trieb und idealisierte. Sie erkannten, oft zu Recht, auf Seiten der Deutschen und ihrer Verbündeten Missachtung oder gar Leugnung des Völkerrechts. Das begann beim Tabubruch, als die belgische und die luxemburgische Neutralität verletzt wurden, und gipfelte vielleicht im Giftgaseinsatz bei Ypern im April 1915 (der bei Payk nicht vorkommt). Zwischenstaatliche oder multilaterale Verträge, so unkte man in Washington, London und Paris, waren für die Deutschen nur „ein Fetzen Papier“, wenn vitale politische oder militärische Interessen auf dem Spiel standen: Reichskanzler Bethmann Hollweg soll es womöglich selbst so in einem Gespräch mit dem britischen Botschafter kurz nach Kriegsbeginn formuliert haben.

          Demgegenüber sahen sich die Alliierten, freilich in verschiedenem Maße, schon im als auch nach dem Krieg als Hüter einer internationalen Ordnung, die sich auf Humanität und Zivilisation berief. Es gehört zu den größten Leistungen des Buches, die verschiedenen Mentalitäten zwischen, aber auch innerhalb der Delegationen nachzuzeichnen. Denn auch auf Seiten etwa der Amerikaner standen sich liberale Legalisten und solche Diplomaten gegenüber, die einen Primat des Politischen vertraten: Formale Korrektheit und politische Flexibilität konnten kollidierten. Interessanterweise gehörten auch manche Völkerrechtler zu Verfechtern der Letzteren.

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