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Abtei Marienberg : Erhalten heißt erneuern

Im Maschinenraum des Bildungsdampfers: Die Bibliothek der Abtei befindet sich nun unter der Erde. Bild: Verlag Electa architettura/René Riller

Innovationsmotor in bewusst reduzierter Formensprache: Marco Mulazzani dokumentiert den Umbau des Südtiroler Klosters Marienberg.

          3 Min.

          Wer mit dem Auto über den Reschenpass in den Vinschgau fährt, dem offenbart sich nach einer Viertelstunde zur Rechten ein imposanter Anblick. An den Hang geklammert steht eine weiße Glaubensfestung: Kloster Marienberg, mit einer Seehöhe von 1350 Metern Europas höchstgelegenes Benediktinerkloster. 1149 hatten die Gründer aus dem nahen Engadin den heutigen Standort gefunden. In seiner langen Geschichte wechselvoller Entwicklungsphasen durchlebte das Kloster in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ein Stadium des Stillstands, bis Abt Bruno Trauner in den letzten Tagen des Jahres 1999 den aus der Südtiroler Gemeinde Latsch stammenden Architekten Werner Tscholl beauftragte, das seit Jahren ungenutzte Wirtschaftsgebäude zu einem Museum umzubauen. Es dauerte fünf Jahre, bis das Projekt in Angriff genommen wurde, weitergeführt und vorläufig abgeschlossen hat es der Nachfolger Trauners, der aus dem bayerischen Ottobeuren entliehene Benediktiner Markus Spanier, den die Marienberger Mönche 2011 zum Abt wählten.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Was seit Mitte der Nullerjahre hier entstanden ist, dokumentiert der in Ferrara Architekturgeschichte lehrende Marco Mulazzani in einem zweisprachigen Band, der nicht nur die jährlich fünfzehntausend Besucher des Klosters interessieren dürfte. Tscholl ist ein italienweit bekannter Architekt, in der Schlossruine Sigmundskron nahe Bozen hat er eines von sechs Messner Mountain Museums gebaut, in Segrate bei Mailand durfte er sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem von Oscar Niemeyer entworfenen Mondadori-Verlagsgebäude verewigen. Während er im privaten Wohnungsbau radikale Entwürfe bevorzugt, hat er sich in Marienberg dem Bauen im Bestand verpflichtet.

          Espressobecher und Zinnteller

          In Abt Markus Spanier, einem gelernten Bankkaufmann, hatte er einen weitblickenden Bauherrn, der kirchliches Bauen wie in früheren Jahrhunderten als Innovationsmotor begreift. Und als gute Investition. Der Unterstützung der Provinz Südtirol konnte er sich sicher sein, deren Denkmalpflege weiß um den Wert des Kulturdenkmals Marienberg. Die Klosterbibliothek umfasst hunderttausend Bände, dazu 1400 Pergamenthandschriften, die älteste aus dem Jahr 1149.

          Marco Mulazzani: „Abtei Marienberg/Abbazia Monte Maria“.
          Marco Mulazzani: „Abtei Marienberg/Abbazia Monte Maria“. : Bild: Verlag Electa architettura

          Den Speisesaal der ehemaligen Klosterschule hat Tscholl zu einer einladenden Geste für die ankommenden Besucher umgewidmet, sie macht neugierig auf den Klosterhof. An die Stelle des Satteldachs hat er ein Flachdach gesetzt, die transparente Fassade kann als eine Art Medienschaufenster immer neu gestaltet werden, mit Schrift oder Exponaten (zuletzt wurden Espressobecher, Zinnteller und Gipsreliefs in Szene gesetzt). Im ehemaligen Wirtschaftsgebäude hat der Architekt die Schatzkammer, das Museum, Verwaltungsräume, Gästeappartements und eine Gemeinschaftsküche untergebracht.

          Einer der schönsten Arbeitsplätze im Alpenraum

          Seine Sprache ist bewusst reduziert: pigmentierter Sichtbeton, schwarze, gewachste Stahlplatten für die Galerien, satiniertes Glas und indirekte Beleuchtung. Im Nordteil des Gebäudes gibt es Aufenthalts- und Schlafräume für Jugendgruppen, ganz in Lärchenkiefer ausgekleidet. Die ehemalige Schmiede hinter dem Gebäuderiegel wurde unter Einbeziehung der vorhandenen Technik zu einem Besuchercafé umgebaut.

          Die Klosterbibliothek beherbergt hunderttausend Bände, dazu 1400 Pergamenthandschriften.
          Die Klosterbibliothek beherbergt hunderttausend Bände, dazu 1400 Pergamenthandschriften. : Bild: Verlag Electa architettura/René Riller

          Marienberg war lange Zeit die einzige Möglichkeit, im oberen Vinschgau eine höhere Schule zu besuchen; daneben betrieb das Kloster in Meran ein Gymnasium. Der italienische Faschismus beendete 1928 diese Tradition, an die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder angeknüpft wurde, bis 1986 endgültig Schluss war. An die große Zeit dieser Erziehungsgeschichte erinnert im Hauptgebäude eine Ausstellung mit einem reichen Bestand an naturwissenschaftlichen Geräten und Exponaten, die im Unterricht zum Einsatz kamen.

          Der architektonische Clou ist zweifellos Tscholls Verlegung der Klosterbi­bliothek unter die Erde. Vom Kutschenhaus neben dem Eingang der ebenfalls modernisierten Abteikirche führt ein Weg entlang der Klostermauer zur ehemaligen St.-Ägidius-Kirche. Sie dient jetzt als Lesesaal und Eingangshalle. Über eine stählerne Wendeltreppe in einem Glaszylinder führt der Weg hinunter in die Bibliothek, die mit einem Kühlsystem über die Außenmauern ganzjährig konstant temperiert ist. Der Maschinenraum des Bildungsdampfers entfaltet eine beeindruckende Raumwirkung. Polierter Betonboden, die Wände mit lebhaften Mustern, welche die als Schaltafeln verwendeten OSB-Platten hinterließen. Die Regale sind aus gebeizter Esche. In der mächtigen schwarzen Decke ein Zitat aus dem „Registrum“ des Marienberger Abtes Goswin, der im vierzehnten Jahrhundert eine Geschichte des Klosters verfasste. Leuchtbuchstaben und Elektrik wurden seitenverkehrt einbetoniert, ein Verfahren, auf das Abt und Architekt – Stichwort Innovation – stolz sind. Der Wehrturm zur Talseite birgt das Klosterarchiv: Der Arbeitsplatz des Archivars dürfte mit seinem Rundumfernblick auf die Dreitausender der Ötztaler Alpen und im Süden bis zur Ortler-Gruppe zu den schönsten im ganzen Alpenraum gehören.

          Marco Mulazzani: „Abtei Marienberg/Abbazia Monte Maria“. Mit Fotografien von René Riller. Electa architettura, Mailand 2022. 144 S., Abb., geb., 33,25 €.

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