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Buch über die Botanik : Chicorée als weltpolitisches Gemüse

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Aus den alten Beständen des Herbier de Paris: Herbarium des Jehan Girault (1558) mit Pflanzen überwiegend aus der Umgebung Lyons Bild: akg-images / Gilles Mermet

Pflanzen wollen genau beschrieben sein: Marc Jeanson blickt auf die Tugenden der Botanik und lässt dabei als Autor leider Ordnungssinn vermissen.

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          Tiere sind possierlich, Pflanzen dagegen bleiben reglos und schweigen: Um die Aufmerksamkeit von Forschern auf sich zu ziehen, ist das ein echter Nachteil. „Die wenigsten Botaniker werden als Botaniker geboren: erst mit der Zeit lernen sie, das Unsichtbare zu sehen“, konstatiert Marc Jeanson, Direktor des Herbariums am Museum für Naturgeschichte in Paris und des Botanischen Gartens von Marrakesch. Sein Buch setzt der etwas altertümlichen, in Zeiten des Artensterbens aber umso wichtigeren Disziplin der Botanik ein Denkmal.

          Im Mittelpunkt des Buchs stehen Herbarien, diese riesigen Bibliotheken aus „Belegen“ in Form gepresster Blätter, Stengel, Blüten, Früchte, die duften oder stinken und bisweilen aus ihren viel zu kleinen Kästen quellen, oft versehen mit langen handschriftlichen Beschreibungen. Kein Bild könne je das Geschriebene ersetzen, nur die Beschreibung sei in der Lage, „in das Geheimnis der Pflanze vorzudringen“, so der Autor.

          Viele Gesandte kamen in der Urne heim

          Doch die Herbarien sind, das sieht Jeanson mit einer gewissen Nostalgie, Überbleibsel aus einer Zeit, in der Überseehandel die ungeheure Vielfalt der Pflanzenwelt dem alten Europa erstmals vor Augen führte und in der die Gelehrten noch hofften, diese Vielfalt in eine Ordnung zwingen zu können. Oft vergeblich, denn obwohl sie wohlgeordnet erscheinen, sind zumindest die älteren unter diesen Herbarien Jeanson zufolge eher Dschungel, in denen sich nur zurechtfindet, wer den größten Teil seines Lebens darin verbracht hat.

          Marc Jeanson und Charlotte Fauve: „Das Gedächtnis der Welt“. Vom Finden und Ordnen der Pflanzen.
          Marc Jeanson und Charlotte Fauve: „Das Gedächtnis der Welt“. Vom Finden und Ordnen der Pflanzen. : Bild: Aufbau Verlag

          Jeanson berichtet von den Forschungsreisenden, die diese Sammlungen zusammengetragen haben, meist im Gefolge von und manchmal in Personalunion mit Kolonialisten oder Missionaren. Er versteht es, ihre Faszination angesichts der tropischen Vegetation zu vermitteln – und zugleich die gesundheitlichen und politischen Gefahren, in die sie sich begaben. Wer als Botaniker alt werden wollte, schickte lieber andere auf die Suche nach unbekannten Pflanzen. Ein Drittel der „Gesandten“, die der schwedische Botaniker und Begründer der noch heute gebräuchlichen Nomenklatur, Carl von Linné, auf die Reise geschickt hatte, kam „in der Urne heim“. Der Gelehrte habe vor allem Junggesellen für diese Posten ausgewählt, um sich angesichts dieser Lage den „Groll der trauernden Witwen“ zu ersparen.

          Anzüglichkeiten der Botaniker

          Linné ordnete im achtzehnten Jahrhundert die Pflanzen neu, und zwar nach der Anzahl und Position ihrer Stempel und Staubblätter. Das war keine gelehrte Petitesse, sondern ein handfester Skandal: Als man feststellte, dass Pflanzen, ähnlich wie Tiere, unterschiedliche Geschlechter haben, dass Blüten gar Geschlechtsorgane seien, habe die liebliche Pflanzenwelt in den Augen der Zeitgenossen ihre Unschuld verloren. Blumensträuße, so Jeanson, trieben „den Jungfern“ nun das Blut in die Wangen, in den Salons kicherte man über die Anzüglichkeiten der Botaniker. Und ausgerechnet dieses Unsagbare machte Linné zum Grundprinzip seiner Ordnung.

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