https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/mao-behelligt-von-liebesgefluester-193476.html

: Mao, behelligt von Liebesgeflüster

  • Aktualisiert am

Bis in die späten siebziger Jahre hinein fungierte Mao Tse-tung als Orakel, das, sofern man es nur eifrig und ernsthaft genug befragt, nicht allein China enträtselt, sondern die Gesetze des Lebens und der Geschichte schlechthin. Umfangreiche Werkausgaben erschienen, von renommierten Wissenschaftlern wie Stuart R.

          5 Min.

          Bis in die späten siebziger Jahre hinein fungierte Mao Tse-tung als Orakel, das, sofern man es nur eifrig und ernsthaft genug befragt, nicht allein China enträtselt, sondern die Gesetze des Lebens und der Geschichte schlechthin. Umfangreiche Werkausgaben erschienen, von renommierten Wissenschaftlern wie Stuart R. Schram, Jerome Chen und Helmut Martin skrupulös ediert, in denen noch der beiläufigsten Wortmeldung des Vorsitzenden eine Auskunft über den Stand der Weltrevolution respektive des Neuen Menschen abgelauscht wurde.

          Den Abstand dieser Art Hermeneutik zur Gegenwart ermißt man, wenn man die jetzt auf deutsch herausgekommene neue Kurzbiographie aufschlägt, einen ursprünglich bei Penguin veröffentlichten Band, wo früher auch die klassische Lebensbeschreibung von Schram erschienen war. Der amerikanische Sinologe Jonathan D. Spence, seinerseits auch ein sehr berühmter Vertreter seines Fachs, konzentriert sich vor allem auf die Frauen und die insgesamt doch sehr verwickelten Familienverhältnisse des Vorsitzenden. Wir erfahren, welch hohen Rang der fünfundzwanzig Jahre alte Mao der Liebe zuerkannte, als er neben eine pessimistisch-darwinistische Passage in Friedrich Paulsens "System der Ethik" empört notierte: "Zum Beispiel kann ich das Gefühl für diejenige, die ich liebe, nicht vergessen, also ist mein Streben darauf gerichtet, sie zu retten. Im Ernstfall würde ich sogar lieber selbst sterben, als sie sterben zu lassen."

          Der Leser wird Zeuge, wie Mao diesem Schwur im Lauf seines Lebens immer untreuer wird. Seine erste Frau Yang Kaihui, die Tochter seines verehrten Lehrers, betrügt er, während sie daheim in Changsha mit drei Kindern ausharrt, in den Bergen mit der jungen Revolutionärin He Zizhen, die, wie Spence anmerkt, für ihre Schönheit ebenso gerühmt wurde wie für ihren Verstand. 1930 wird Yang Kaihui von Kuomintang-Soldaten erschossen, weil sie sich weigert, ihren Mann zu verraten. Von He Zizhen hat Mao insgesamt sechs Kinder, bis er sie 1937 nach Moskau zur Abtreibung schickt, um sich mit der Schauspielerin Jiang Qing zu verbinden. He Zizhen erleidet später einen Nervenzusammenbruch, nachdem sie eine Rede des Staatspräsidenten im Radio verfolgt hat. Zur politisch selber ambitionierten Jian Qing (berüchtigt als "Mao-Witwe") verliert sich der Kontakt im Lauf der Jahrzehnte immer mehr, bis ihr Mao, bis zuletzt ein auch vom pädagogischen Eros besessener Mann, ein Jahr vor seinem Tod schreibt: "Es wäre besser, wenn wir uns nicht mehr sehen. Jahrelang habe ich dich in vielerlei Hinsicht beraten, aber du hast dich so gut wie nie danach gerichtet." Die letzten Jahre umgab sich Mao vor allem mit Zhang Yufeng, einer seiner zahlreichen Zugbegleiterinnen, die ihm alle Dokumente vorlas und darüber entschied, wer zu ihm vorgelassen wurde.

          Natürlich hütet sich Jonathan Spence, derlei näher zu kommentieren, und natürlich beschränkt sich seine Darstellung nicht auf private Anekdoten. Mit der Leichtigkeit des erfahrenen Historiographen breitet er den gewaltigen Stoff von den Anfängen der chinesischen Republik über die Entstehung der kommunistischen Bewegung, ihren Kampf mit den Japanern und der Kuomintang bis zur Ausrufung der Volksrepublik, dem desaströsen "Großen Sprung nach vorn" und der Kulturrevolution in knappen Stichen aus. Immer findet er das sprechende Detail - sei es ein Augenzeugenbericht, sei es ein Kommentar oder eine Gedichtzeile Maos selbst -, das die abstrakte Konstellation zusammenfaßt und erhellt. Aber der Ehrgeiz von Autor und Verlag geht doch eindeutig dahin, nicht eine intellektuelle oder politische, sondern eine gewissermaßen "menschliche" Biographie vorzulegen. Der Leser wird mit nicht nachlassender Akribie auch über die Schicksale und beruflichen Werdegänge der einzelnen Kinder aus den verschiedenen Ehen auf dem laufenden gehalten, und ein besonderes Gewicht liegt auf der Kindheit und Jugend des revolutionären Helden selbst. Als Gegengewicht zur hypertrophen Textexegese von einst liest sich das alles ganz frisch und unterhaltsam; die eine Begebenheit ergibt sich wie selbstverständlich aus der anderen und fügt sich zum runden Bild einer im ganzen doch reichlich fernen und grotesken Epoche.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein älterer Herr mit Stock geht im Sonnenschein ruhigen Schrittes die Offenbacher Fußgängerzone entlang.

          Späterer Renteneintritt : „Eine gefühllose Entgleisung“

          Ein von Ökonomen geforderter späterer Renteneintritt im Kampf gegen die Inflation stößt auf scharfe Kritik. SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert spricht von „feuchten neoliberalen Träumen“. Der DGB nennt den Vorschlag eine „mutlose Leistungskürzung“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch