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Manieren in der Nokia-Welt : Wer beim Sex ans Handy geht

Benehmen ist mehr denn je Glückssache. Die Schnelligkeit, mit der wir uns heute verständigen, erhöht die Gefahr, sich im Ton zu vergreifen. Ein neuer Benimmführer erklärt, wie man trotz Handy und Internet manierlich bleibt.

          Adriano Sack besitzt einen Blackberry, er nutzt iBook, Skype, iChat und schreibt am allerliebsten auf Briefpapier von Mrs John L. Strong. Er hat sich ein MySpace-Profil eingerichtet, ist „YouTube Member“ und vierundzwanzig Stunden online. Eine eigene Homepage ist nicht geplant.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dies alles erfährt der Leser, noch bevor er sich in Sacks Buch vertieft hat, ein kurzer Blick auf das Autorenporträt genügt. Gleich zu Beginn will der Autor keinerlei Zweifel daran lassen, dass er sich zwar im digitalen Zeitalter spielend leicht zurechtfindet (wenn auch er wie wir alle manchmal über die technischen Raffinessen irgendeines Geräts stolpert), jedoch niemals auf handgeschriebene Briefe verzichten würde. Außerdem legt Sack großen Wert auf eine korrekte Begrüßung und versucht auch sonst, sich geschmeidig durchs Leben zu bewegen. In einer durchdigitalisierten Welt, in der Liebeserklärungen per SMS versandt und Beziehungen gelegentlich auf die gleiche Weise beendet werden, ist das nicht immer einfach.

          Mitunter eitler Ton

          Deshalb hat Sack einen Benimmführer geschrieben, wie es ihn nach eigenen Angaben „noch nie gegeben hat“. Er hat dafür sein eigenes Verhalten studiert und sich, das dokumentieren die vielen Anekdoten, bei Freunden und Bekannten umgehört. Dass er auf den einen oder anderen Kontakt (besonders den zu Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe) ordentlich stolz ist, verrät der mitunter eitle Ton, mit dem Sack aus seinem Leben plaudert. Doch das berührt nicht die Treffsicherheit vieler seiner Beobachtungen.

          Benehmen ist mehr denn je Glückssache. Das liegt, so Sack, auch an den elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten, die jenen in die Hände spielen, die Umgangsformen für altmodischen Kram halten. Die Schnelligkeit, mit der wir uns heute verständigen, verändere auch den Ton - und erhöhe die Gefahr, sich im Ton zu vergreifen.

          Es klingelt auch in der Nacht

          Zum Beispiel das Handy, dem Sack viel Raum widmet. Als es dieses noch nicht gab, hat man ein Telefongespräch allenfalls dann unterbrochen, wenn es an der Tür klingelte oder man einen solchen Hunger verspürte, dass der Gang zum Kühlschrank unausweichlich wurde. Telefonate vor acht Uhr morgens und nach 22 Uhr waren natürlich tabu. Heute ist das anders. Heute passiert es ständig, dass man während eines Gesprächs kurz weggedrückt wird, weil irgendjemand anklopft. Die Uhrzeit scheint mittlerweile völlig belanglos zu sein: Entweder ist das Mobiltelefon an, oder es ist aus - ist es an, klingelt es durchaus auch mal mitten in der Nacht.

          Dass man sein Handy ausschalten kann, hält Sack für einen Mythos. Er kennt erschreckenderweise niemanden, der sein Mobiltelefon auch nur eine Sekunde lang aus den Augen lässt. „Selbst in intimen Momenten legt der Mensch eher seine Armbanduhr ab, als dass er sein Handy ausstellt.“ Bei dieser Gelegenheit möchte man es dann doch genauer wissen: Wer ist „der Mensch“, auf den sich Sack hier beruft? Der Fürst zu Schaumburg-Lippe? Adriano Sack selbst? Sind wirklich alle so verludert und verroht, wie Sack mit seinen anthropologischen Verallgemeinerungen nahelegt? Wer würde denn nicht „den Menschen“ aus dem Schlafzimmer werfen, der beim Sex ans Handy geht? So viel Manierlichkeit muss sein!

          Dienendes Personal

          Im Übrigen hat Sack natürlich nicht unrecht: Das Handy verführt dazu, dem Reiz des Klingeltons nachzugeben und den Gesprächspartner links liegenzulassen. Um die Situation zu retten, empfiehlt Sack, das Telefon klingeln zu lassen und das Gesicht zu einer Maske leichter Gereiztheit zu verziehen, um anzudeuten, dass gerade jetzt die Unterbrechung ungelegen kommt. Anschließend sollte man „mit der demonstrativen Geste, mit der man auch auf seine Uhr blicken würde, aufs Display schauen, um den Redefluss des anderen zu stoppen und sein formschönes, brandneues respektive betont altes Mobiltelefon zu zeigen“. Ob das wirklich hilft, sei dahingestellt. Den überzeugenderen Satz zum elektronischen Spielzeug sagt Mathias Döpfner in einem Kurzinterview: „Der wichtigste Knopf bei Handy und Blackberry ist die Aus-Taste.“ Oder um Johannes Gross zu zitieren: „Sie haben ein Handy. Sie sind jederzeit erreichbar. Also gehören Sie zum dienenden Personal.“

          Vom simplen Ausschalten klingelnder Geräte hält Sack jedoch wenig. Vom Zurückrufen auch nicht: Damit könne man sich getrost ein paar Wochen Zeit lassen, ohne sich mies zu fühlen („Das ist heute jeder gewohnt, da hat sich zum Glück eine allgemeine Schmerzfreiheit eingestellt“). „Tatsächlich?“, fragt man sich und zweifelt kurz an seinen eigenen Gewohnheiten.

          Adriano Sacks Buch ist kein klassischer Benimmführer, kein mit erhobenem Zeigefinger verfasstes Verzeichnis der „Dos und Don'ts“. Es ist der Versuch, eher beiläufig ein Sittenbild der Web-2.0-Gesellschaft zu zeichnen, was über weite Strecken auch gelingt. Und wo das Sittenbild zum Schauerbild gerät, muss man dem Autor klipp und klar entgegenhalten: Weder Internet noch Handy oder Blackberry verwandeln uns in ungehobelte Menschen - jedenfalls so lange nicht, wie wir selbst es nicht wollen.

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