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„Die Liebe der Philosophen“ : Die Sexualität der großen Denker

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Manfred Geier wagt sich in seinem neuen Buch „Die Liebe der Philosophen“ an eine sexual-biographische Untersuchung der großen Gelehrten wie Sokrates. Bild: Picture-Alliance

Manfred Geier verknüpft in „Die Liebe der Philosophen“ Leben und Werk von Sokrates, Foucault und anderen Gelehrten mit sexual-biographischen Untersuchungen. Dabei verpasst er eine Chance.

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          Den Philosophen wird es zwar nicht mit der Muttermilch, aber – wenn man so sagen darf – mit dem Studentenfutter beigebracht, dass sie sich der Liebe verschreiben sollen. Schließlich steht ihre Berufsbezeichnung für die „Liebe zur Weisheit“. Und doch wurde die Liebe in der Geschichte der Philosophie nach dem furiosen Auftakt in Platons „Symposium“ eher mit spitzen Fingern angefasst. Die Weisheit verwandelte sich in Vernunft, und sie ging auf Distanz zum Gefühl.

          In seinem neuen Buch unternimmt Manfred Geier nun eine Reise „von Sokrates bis Foucault“, auf der er das spannungsvolle Zusammenspiel zwischen Lieben und Denken großer Philosophen erkundet. Als Zugang wählt er die „philosophische Hintertreppe“, also einen Weg, der – wie es Wilhelm Weischedel in seinem gleichnamigen, überaus erfolgreichen Buch 1966 vorgemacht hat – vom Alltag der Meister zu ihren Texten vordringen soll. Dass sich aus dieser Verbindung Funken der Einsicht schlagen lassen, hat Geier in früheren Büchern – zuvörderst in „Kants Welt“ (2003) – gezeigt und damit viel Zuspruch gefunden.

          Er versteht es wie kaum ein anderer, Leben und Werk zusammenzubringen, ohne sich beim Blick durchs Schlüsselloch zu erhitzen oder in der Wüste der Abstraktion zu verdursten. Wenn sie Aufschlüsse für „Denken und Weltsicht der Akteure“ liefern, sind Verletzungen der Privatsphäre nach Geier nicht verboten, sondern durchaus erwünscht, und zu solchen kommt es auch – wenn die Quellen dies denn hergeben – in diesen „sexual-biographischen Untersuchungen“ zu Sokrates, Augustinus, Rousseau, Kant, dem Marquis de Sade, den Brüdern Humboldt, Kierkegaard, Wittgenstein, Heidegger und Foucault.

          Die alten Bekannten

          Diese Namensliste ist leider mit unterschiedlichen Problemen befrachtet. Emsige Leser Manfred Geiers werden bemerken, dass er der Hälfte der gerade genannten Hauptfiguren bereits Bücher gewidmet hat, in denen deren Leben und Denken schon in Szene gesetzt worden ist. Auf diese Leser wirkt einiges, was ausgebreitet wird, ziemlich überraschungsfrei. Überhaupt geht Geier bei der Auswahl arg konventionell vor: Sein Kanon besteht aus den üblichen Verdächtigen, die schon von vielen Interpreten auf die Couch gelegt worden sind. Man trifft Männer, die mit Frauen fremdeln (Sokrates, Augustinus, Rousseau, Kant, Kierkegaard), Frauen erobern (de Sade, Heidegger) oder Männer lieben (Alexander von Humboldt, Wittgenstein, Foucault). Der Einzige von Geiers Liste, der sich in diesen Schubladen nicht so leicht unterbringen lässt, ist Wilhelm von Humboldt.

          Geier lässt die Chance leider ungenutzt, prominente, aber weniger abgegriffene Geschichten vom Geschlechterkampf und Geschlechterfrieden einzubeziehen – Geschichten, in denen zum Beispiel nicht nur ein Mann, sondern ein Paar lebt, liebt und denkt. Erwähnt seien nur der Marquis de Condorcet und seine stark unterschätzte Frau Sophie de Grouchy, John Stuart Mill und Harriet Taylor, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Und warum hat Geier den Spieß nicht umgedreht und Hannah Arendt ein Kapitel gewidmet, statt sich über Heideggers zahllose, sattsam bekannte Liebschaften – unter anderem eben mit Arendt – zu verbreiten?

          Doch hat das Buch auch seine Stärken. Manfred Geier verfügt über die Gabe, anhand von kleinen Szenen große Themen zu erschließen. Stellvertretend für viele Beispiele, die sich in diesem Buch finden, sei ein einziges geschildert. Als Halbwaise, der von seinem Vater im Stich gelassen worden war, landete der fünfzehnjährige Jean-Jacques Rousseau im Frühjahr 1728 nach einem langen Fußmarsch in Turin, genauer gesagt: in einem katholischen Hospiz. Dort trug sich eine Geschichte zu, der – bei freilich spärlicher Konkurrenz – der Sieg im Wettbewerb um die drastischste Masturbationsszene der Ideengeschichte sicher sein dürfte. Ein „Strolch“ machte sich nämlich in jenem Hospiz an den jungen Jean-Jacques heran, rieb sich an ihm, wurde von ihm entrüstet zurückgestoßen, ließ sich aber nicht davon abhalten, „sich vollends abzuarbeiten“, wie Rousseau schreibt, bis „etwas Klebriges und Weißes auf den Kamin spritzte und zur Erde fiel, was mir Übelkeit erregte“.

          Geschichten, die ans Herz gehen

          Verwalter und Priester im katholischen Hospiz ließen Jean-Jacques abblitzen, als er sich über diesen Vorgang beschwerte. Es ergibt guten Sinn, den Verbindungslinien nachzugehen, die sich zwischen jener Erfahrung und Grundzügen von Rousseaus Denken ziehen lassen. Dazu gehören Rousseaus Verstoß gegen Sprechverbote, das gespaltene Verhältnis zu Frauen, der scharfe Blick auf die Verkommenheit, das selbstzerstörerische Misstrauen gegen andere, das immer wieder in die Sehnsucht nach vollkommener Gemeinschaft umschlägt. Geier erzählt viele berührende, bedrückende Geschichten dieser Art. Der schönste Satz aus seinem Buch stammt freilich nicht von ihm, sondern von Sigmund Freud. Auf die Frage, ob man sich beim Reden über Liebe und Sexualität peinlich zurückhalten solle, antwortete er: „Ich vermeide gern Konzessionen an die Schwachmütigkeit.“

          Manfred Geier: „Die Liebe der Philosophen“. Von Sokrates bis Foucault. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 352 S., geb., 24,– €.

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