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Buch „Unsere Welt neu denken“ : Was wir brauchen

Die Wissenschaftlerin Maja Göpel im März 2019 in Berlin Bild: dpa

Die Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel plädiert für ein anderes Wirtschaften. Unter dem Eindruck der Corona-Krise erscheinen viele Passagen ihres aktuellen Buchs als treffende Bemerkungen zur derzeitigen Lage.

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          Maja Göpel – Politökonomin, Nachhaltigkeitsforscherin und Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen – hat ihr Buch eigentlich als Plädoyer für eine Generalüberholung unseres Wirtschaftssystems geschrieben. Angesichts begrenzter natürlicher Ressourcen und des unerbittlich fortschreitenden Klimawandels müssten wir einer neuen Realität ins Auge blicken: „Während der Menschheit lange sehr viel Planet für wenig Mensch gegenüberstand, gibt es heute für immer mehr Menschen immer weniger Planet.“

          Jessica von Blazekovic
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          So weit, so bekannt. Überhaupt erzählt Göpels Buch keine bahnbrechenden Neuigkeiten, sondern ist vielmehr der gelungene Versuch, Menschheitsgeschichte von der Evolution des Homo sapiens bis zu Greta Thunberg, ökonomische Theorie von Adam Smith bis Thomas Piketty, Umweltforschung und Systemkritik auf knappem Raum in eine kurzweilige Lektüre zu verpacken – und das macht sie gut. Vorsicht ist trotzdem und eben deshalb angebracht. Manches ist eben viel komplizierter, als sich in wenigen Zeilen erklären oder mit einer Anekdote beleuchten lässt.

          Mit ihrer Überzeugung, dass sich unsere Lebens- und Wirtschaftsweisen grundlegend ändern müssen, hält Göpel nicht hinterm Busch. Glühende Verfechter des Liberalismus und der Marktwirtschaft wird sie mit ihrem Buch wahrscheinlich nicht erreichen. Unter dem Eindruck der Coronavirus-Pandemie erscheinen viele Passagen ihres Buchs aber als treffende Bemerkungen zur aktuellen Lage. „Was zum Beispiel“, fragt Göpel, „brauchen wir denn unbedingt, wenn wir gut versorgt sein wollen?“ Sie nennt Nahrung, Trinkwasser, Behausung, Energie, Gesundheitsversorgung und Bildung. Und sind es nicht genau diese Bereiche, die derzeit als „kritische Infrastruktur“ bezeichnet werden? Führen wir nicht aktuell eine Debatte darüber, ob sich Deutschland im Notfall selbst mit Lebensmitteln versorgen kann, wie rasch Millionen Atemschutzmasken bereitgestellt werden können, dass Kinder aus prekären Verhältnissen Gefahr laufen, schulisch abgehängt zu werden?

          Später im Buch schreibt Göpel: „Wir leben in krisenhaften Zeiten, und in Krisenzeiten ergibt es sehr viel Sinn, nicht mehr auf das zu starren, was wir individuell verlieren könnten. Da fokussieren wir uns auf das, was durch ein gemeinsames Nutzen vorhandener Ressourcen möglich ist.“ Auch das trifft die aktuelle Lage: Weltweit werden Kräfte gebündelt, um einen Impfstoff gegen das neuartige Virus zu entwickeln, Patienten aus Italien und Frankreich werden zur Behandlung nach Deutschland gebracht, Unternehmen stellen ihre Produktion auf Hilfsgüter um.

          Gleichzeitig greift der Staat so tief in seinen Instrumentenkasten, wie die meisten von uns es vermutlich noch nie erlebt haben. Auch hier bietet Göpels Buch ein passendes Zitat, nämlich von John Maynard Keynes: „Die wichtigsten Agenden des Staates betreffen nicht die Tätigkeiten, die bereits von Privatpersonen geleistet werden, sondern jene Funktionen, jene Entscheidungen, die niemand trifft, wenn der Staat sie nicht trifft.“ Klimaschützer würden sich den derzeit zu beobachtenden Aktivismus der Regierungen wohl auch in der Klimakrise wünschen.

          Doch weil diese viel abstrakter ist als die Corona-Krise, war es bislang schwer vorstellbar, wie „das Förderband, mit dem wir Umwelt in Wohlstand umwandeln“, sich entschleunigen könnte. Mit dem durch das Coronavirus ausgelösten abrupten Stillstand der Produktion geschieht das gerade unfreiwillig – mit sichtbaren Auswirkungen auf die Umwelt: Deutschland wird, was bislang unmöglich schien, dank des Corona-Shutdown seine Klimaziele 2020 erreichen.

          Optimistische Menschen hoffen nun, dass diese Effekte keine Eintagsfliegen sind, dass sich die Menschen in der sozialen Distanz und der Abstinenz von Konsum und Fernreisen darauf besinnen, was sie für ein glückliches Leben wirklich brauchen. Wäre da nicht der „fiese Montag“. So bezeichnet Göpel in ihrem Buch das Phänomen, das jeder schon einmal erlebt hat: Nach einer inspirierenden Veranstaltung oder einem einschneidenden Erlebnis will man voller Schwung und Tatendrang ein Problem angehen, nur um sich in festgefahrenen Routinen wiederzufinden – „und alles ist wie immer“. Ohne es antizipiert haben zu können, ist Maja Göpels Buch eine Einladung dazu, es nach der Corona-Krise nicht zu einem fiesen Montag für den Planeten kommen zu lassen.

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