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: Märtyrer oder Selbstmörder?

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Über den Suizid, der im Rahmen unserer Sterbehilfedebatten inzwischen auch von einer breiteren Öffentlichkeit zum Thema gemacht wird, dachten bereits die antiken Philosophen nach. Zwar erklärte Platon, dass ohne göttliche Erlaubnis, Hand an sich zu legen, jeder an seinem ihm zugewiesenen Platz bleiben ...

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          Über den Suizid, der im Rahmen unserer Sterbehilfedebatten inzwischen auch von einer breiteren Öffentlichkeit zum Thema gemacht wird, dachten bereits die antiken Philosophen nach. Zwar erklärte Platon, dass ohne göttliche Erlaubnis, Hand an sich zu legen, jeder an seinem ihm zugewiesenen Platz bleiben müsse, aber in der alltäglichen Lebenspraxis blieb der (durch Hilfe Dritter oder selbst herbeigeführte) Suizid offenbar eine stets legitime Option, die nicht selten wahrgenommen wurde. Kyniker und Stoiker hießen die Selbsttötung sogar prinzipiell gut, denn sie allein erlaube es dem vernunftbegabten menschlichen Individuum, aus freien Stücken den Schlusspunkt zu setzen.

          "Ich soll warten auf die Grausamkeit einer Krankheit oder die eines Menschen, obwohl ich in der Lage bin, mitten durch die Qualen ins Freie zu gehen und Widerwärtiges beiseitezustoßen? Das ist das Einzige, weswegen wir über das Leben nicht klagen können: niemanden hält es." So formuliert es im 1. Jahrhundert nach Christus der Selbstmordapostel Seneca, und ähnlich sahen es wohl auch die antiken Juristen. Denn weder gab es eine allgemeine (grab-)rechtliche Ahndung von Selbstmorden oder Selbstmordversuchen, noch waren Schmach und Schande die unausweichliche Folge, ganz im Gegenteil: Der jüngere Cato, der lieber in den freiwilligen Tod gehen als von der Gnade Caesars abhängig sein wollte, avancierte sogar zum heroischen Vorbild der kaiserzeitlichen römischen Aristokratie, die nostalgisch ihre republikanischen Freiheitshelden verklärte.

          Erst die christliche Spätantike habe, so die landläufige Meinung, der Tolerierung oder gar Glorifizierung des Suizids ein jähes und bis in die Neuzeit gültiges Ende bereitet, doch mit diesem Vorurteil räumt die junge Althistorikerin Dagmar Hofmann gründlich auf ("Suizid in der Spätantike". Seine Bewertung in der lateinischen Literatur. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2007. 250 S., br., 44,- [Euro]). In ihrer an der Universität Jena erstellten Dissertation, der ersten umfassenden Studie zum Suizid in der Spätantike, weist sie nach, dass die immer wieder zitierte kategorische Verurteilung der Selbsttötung durch Augustinus keinesfalls die ausschlaggebende Position in Staat, Gesellschaft und Kirchenkreisen repräsentierte, sondern eine durch ihre Kompromisslosigkeit aus dem Rahmen fallende Einzelauffassung bildete. Augustinus bezieht sich auf das fünfte Gebot und dekretiert im ersten Buch seines "Gottesstaates": "Denn wenn es nicht erlaubt ist, eigenmächtig einen Menschen, der Schaden zufügen will, zu töten, falls kein Gesetz dazu Befugnis gibt, so ist auch ohne Frage, wer sich selbst umbringt, ein Mörder."

          Dass im Übrigen nicht Augustinus als Erster das fünfte Gebot und den Suizid argumentativ miteinander verknüpfte, sondern bereits hundert Jahre früher zu Zeiten Konstantins des Großen Laktanz unter Berufung auf das fünfte Gebot die Selbsttötung zur christlichen Sünde erklärte, ist nur eine beiläufige Beobachtung von Hofmann. Ihr Hauptverdienst besteht nämlich darin, eine grundsätzliche Kontinuität zwischen klassisch-heidnischer und christlicher Spätantike im Umgang mit dem Problem des Suizids aufgezeigt zu haben.

          Besondere Aufmerksamkeit widmet Hofmann einem Thema, das - nicht zuletzt im Kontext islamistischer Selbstmordattentate mit Martyriumsanspruch - in den letzten Jahren in Wissenschaft und Publizistik an Bedeutung gewonnen hat: Waren Christen, die freiwillig in den Tod gingen oder diesen zumindest provozierten, Märtyrer oder Selbstmörder? So soll im Jahre 304, also ein Jahr nach dem Beginn der blutigen diokletianischen Christenverfolgungen, ein Christ namens Euplus vor dem Amtssitz eines römischen Provinzstatthalters aufgetaucht sein und gerufen haben: "Ich will sterben, denn ich bin ein Christ!" Eine derartige Todessehnsucht steht in der als nachahmenswert und vorbildhaft empfundenen Tradition der Passion Jesu Christi, aber konnte es das legitime Ziel eines Christen sein, in dieser Form seinem irdischen Wirken vorzeitig ein Ende zu setzen? Wurde er nicht noch länger und an anderer Stelle gebraucht? Die spätantiken Kirchenväter tun sich denn auch außerordentlich schwer mit der Bewertung derartiger Vorgänge.

          Der in Princeton forschende amerikanische Althistoriker Glen Bowersock vertritt seit einigen Jahren die These, dass ohne die positive Konnotierung des Selbstmordes in der römischen Tradition die Entwicklung des christlichen Märtyrertums in den Verfolgungszeiten des zweiten und dritten nachchristlichen Jahrhunderts nicht möglich gewesen wäre, und er hat damit eine lebhafte Kontroverse ausgelöst. Leider entschließt sich Hofmann nicht zu einer klaren Position in dieser Diskussion, aber sie kann auf quellengesättigter Grundlage immerhin deutlich machen, dass den Christen in der Spätantike selbst die fließenden Grenzen zwischen Martyrium und Suizid deutlich bewusst waren.

          HARTWIN BRANDT

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